Weihnachten mit Hindernissen – Eine McLain Weihnachtsgeschichte

Weihnachten mit Hindernissen
Eine McLain-Story von Jaden Quinn

Klappentext
Drei Jahre nach ihrer Flucht aus dem Labor scheint im Leben von Blake und Sam McLain endlich Ruhe einzukehren. Ihre neue Heimat ist ein Trailerpark in New Mexiko, wo sie in dem Mexikaner Juan Rodriguez einen väterlichen Freund gefunden haben. Das erste Weihnachtsfest, das die Brüder wieder in familiärer Atmosphäre verbringen können, steht kurz bevor.
Doch zwischen mexikanischen Traditionen, einem griesgrämigen Iren und einer energischen Ärztin ist das Chaos vorprogrammiert. Vor allem wenn eine Spendenaktion für bedürftige Kinder gerettet werden muss.

Kapitel 1

Blakes Augen brannten, seine Sicht verschwamm. Er blinzelte, wusste er doch, dass die Klinge sich viel zu nahe an seiner Haut befand. Eine Träne rann ihm über die Wange, weitere folgten, während er versuchte, den Anweisungen zu folgen. Einen Fehler konnte er sich nicht erlauben. Nicht heute!
»Nein! Nicht so, du bist ein verdammter Grobmotoriker, Blake«, wurde er prompt ermahnt.
»Ich weiß«, murmelte er und starrte vorwurfsvoll auf die Zwiebelstücke, die fein gewürfelt vor ihm auf dem Schneidebrett lagen.
Nun, gewürfelt waren sie, von fein allerdings konnte keine Rede sein. Beim Fleisch war es einfacher gewesen, die Paprika waren eine Herausforderung, aber die Zwiebeln waren wehrhaft. Ständig glitschten sie ihm zwischen den Fingern hindurch, was Juans Ungeduld nicht gerade besänftigte.
Warum muss er sich auch eine Woche vor Weihnachten die Schulter ausrenken, sodass ich nun das Festessen zubereiten muss?, schoss es Blake durch den Kopf. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir uns irgendwo einen fertiges Weihnachtsmenü geholt und im Ofen aufgewärmt. Oder Pizza bestellt. Sammy liebt Pizza, dem ist es egal, ob an Weihnachten oder sonst wann. Und dann besinnt sich Juan ausgerechnet jetzt auf sämtliche mexikanische Weihnachtstraditionen, die je erdacht worden sind. Und wer darf es ausbaden? Richtig, ich.
Er war nur froh, dass keines der Mädchen, die ihn ständig anhimmelten, ihn so sahen. Mit einem Geschirrhandtuch im Bund seiner Jeans in der winzigen Küche des Mexikaners stehend, der ihm derart auf die Finger starrte, dass er allein davon nervös wurde.
»Schmeiß die Zwiebeln zusammen mit dem Knoblauch in den Topf, Blake. Die Pozole macht sich nicht von alleine fertig und wir müssen noch den Bacalao vorbreiten.«
Wir … ja klar. Seufzend warf er einen Blick auf den unglücklichen Wasserbewohner, der in einer Schale mit Wasser schwamm. Vermutlich hätte er glücklich sein können, wäre er noch lebendig.
»Blake! Willst du hungern heute Abend?«
»Ich mach ja schon.«
Grummelnd gab er die Zutaten für die Pozole in den Topf. Mist, das Öl war zu heiß geworden. Es spritzte hoch und traf seinen nackten Unterarm. Fluchend sprang er ein Stück zurück.
»Rühren, Junge. Du musst rühren, bevor alles anbrennt.«
»Wenn es mich anbrennt, stört es dich ja auch nicht!«
Juan seufzte. »Wir wollen doch ein schönes Weihnachtsfest, nicht wahr. Wir zusammen. Du, ich, Sam. Ich habe mich nicht absichtlich verletzt.«
Genau genommen hatte er sich verletzt, weil Blake unachtsam gewesen war. Was Juan ihm aber nicht vorhalten würde. Stattdessen hatte er ihn zum Küchendienst abkommandiert. Außerdem hatte er recht. Sammy liebte Weihnachten mit allem, was dazu gehörte. Dabei hatte er sein erstes und einziges richtiges Weihnachtsfest vor drei Jahren bei Erin gehabt. Das war kurz nach der Flucht aus dem Labor gewesen, wo an Blake Medikamente getestet wurden, während Sam als Druckmittel herhalten musste.
Erin … Blake musste unwillkürlich lächeln, als er an die Überraschung dachte, die er für seinen Bruder organisiert hatte. Hätte die Ärztin ihn und Sam damals nicht aufgenommen … Nein, darüber dachte er besser nicht nach.
Sie hatten Glück gehabt, trotz allem.
Fast drei Jahre lang waren sie quer durch die USA gezogen. Immer mit der Angst im Nacken, Dr. Martin oder, schlimmer noch, sein Ziehsohn Jack, könnten sie aufspüren und erneut einsperren. Da war wenig Zeit geblieben, um mit Sammy richtig Weihnachten zu feiern.
Hier jedoch, in dem Trailerpark in New Mexiko, hatten sie zur Ruhe kommen können. Mehr noch, in Juan hatte Sam einen väterlichen Freund gefunden und Blake jemanden, mit dem er ab und zu die Verantwortung für seinen Bruder teilen konnte.
Was bedeutete es dagegen, dieses Jahr das Weihnachtsessen zuzubereiten? Richtig, nichts. Das war nämlich das Mindeste, was er für seinen Bruder und Juan tun konnte. Auch wenn der Mexikaner ihn dabei mit seinem Perfektionismus an den Rand des Wahnsinns trieb.
Nachdem er Wasser in den Topf gegeben hatte – mit Argusaugen von Juan überwacht, nicht dass er es am Ende noch anbrennen ließ – konnte Blake endlich die Pozole Pozole sein lassen.
Aufatmend ließ er sich auf die Sitzbank fallen.
»Kaffee?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Ich hab etwas Besseres.«
Juan grinste verschmitzt und deutete auf die Schale mit dem Punsch, den er Blake bereits am Morgen hatte zubereiten lassen, und der seitdem auf dem Herd mit kleiner Flamme warmgehalten wurde.
Blake verzog das Gesicht. »Kinderpunsch? Ist nicht dein Ernst.«
»Nu mecker nicht, bevor du probiert hast.«
Der Mexikaner angelte zwei Becher aus dem Schrank, füllte sie mithilfe einer Suppenkelle und brachte sie nacheinander zum Tisch. Er setzte sich und zog dann einen Flachmann aus der Tasche seiner Weste.
»Mit einem Schuss Tequila wird der Ponche Navideño noch schmackhafter«, meinte er augenzwinkernd und gab eine großzügige Portion in die Tassen. »Damit fällt dir das Aufräumen gleich bestimmt leichter.«
»Aufräumen?« Blake stöhnte auf, als er den Blick über das Chaos an benutztem Geschirr schweifen ließ, das sich zwischen Weihnachtssternen, blinkenden Lichterketten und Kerzenhaltern auf jeder freien Fläche stapelte.
»Sam könnte vielleicht …«, begann er hoffnungsvoll.
»Falls er sich noch bewegen kann, wenn er von der Posada zurückkommt.«
Ein berechtigter Einwand, wie Blake fand. Gedanklich verabschiedete er sich von der Hoffnung auf Sams Hilfe.
Es hatte lange gedauert, bis sein Bruder sich geöffnet und Anschluss an die anderen Kindern gefunden hatte, aber dieses Jahr nahm er an allem teil, was der Trailerpark in der Vorweihnachtszeit bot. Seien es die mexikanischen Posadas, die amerikanische Version von Haus zu Haus zu gehen, um Süßigkeiten zu bekommen, oder exzessives Plätzchen backen – Blake hatte keine Ahnung, wie viel Mehl er am National Cookie Cutter Day und dem darauffolgenden Bake Cookies Day verbraucht hatte, um mit Sam pfundweise Gebäck herzustellen. Der Menge nach hätten sie sich die nächsten Monate von Cookies, Cupcakes, Jelly Buttons und Muffins ernähren können. Glücklicherweise war Sam ebenso freigiebig zu denen, die an ihre Tür klopften, wie die anderen zu ihm.
Im Gegensatz zum ersten Jahr, das sie im Trailerpark verbrachten, hatte Blake auch nicht reflexartig zum Messer gegriffen, wenn jemand sich ihrem Caravan näherte. Stattdessen hatte er sich an den Trubel gewöhnt, auch wenn er ihn lange nicht so heiß und innig liebte wie Sam.
Als wäre dieser Gedanke ein Auslöser gewesen, erklang die Stimme seines Bruders vor dem Caravan.
»Blaaaaake! Ich hab die Piñata gefunden!«, krähte er, mit einem triumphierenden Unterton.
»Dieser naseweise Bengel«, fluchte Juan und war noch vor Blake bei der Tür. »Wirst du wohl die Finger davonlassen«, brüllte er. »Die ist für morgen! Außerdem habe ich dir gesagt, du sollst nicht danach suchen!«
»Du hast gesagt, ich würde sie ohnehin nicht finden!«, korrigierte Sam.
»Das ist das Gleiche!«
»Ist es nicht! Blaaaake«
Blake, der Juan gefolgt war, erwischte Sam gerade eben noch am Kragen seiner Jacke, als er die Piñata hochheben wollte, um sie wie den Preis eines triumphalen Sieges zu präsentieren.
»Lass sie liegen und deck die Plane wieder drüber, bevor die anderen Kids sie sehen. Oder Juan einen Herzinfarkt bekommt.«
»Aber es ist schon halb sieben!«, protestierte Sam. »Und ich hab Hunger!«
»Wie kannst du hungrig sein, wenn dir jeder Zweite Buñuelos in die Hand drückt?« Blake verdrehte die Augen. »In der Piñata sind auch nur Süßigkeiten. Echt mal, Sam, du hast bestimmt schon einen Zuckerschock.«
»Hab ich nicht! Außerdem sagt Erin immer, dass ich im Wachstum bin und viel essen soll!«
»Womit sie sicher nicht Krapfen und Süßkram gemeint hat.« Blake zog Sam mit sich in Richtung Juans Trailer, wobei er versuchte, die Musik zu ignorieren, die überall um ihn herum aus den Caravans drang. Ebenso wie die in sämtlichen Farben blinkende Lichter, die ihn blinzeln ließen. »Du kannst deine zuckerbedingte Hyperaktivität loswerden, indem du mir beim Aufräumen hilft.«
»Aber …«
»Kein aber.«
Sam zog zwar einen Flunsch, fügte sich aber, was inzwischen längst nicht mehr selbstverständlich war.
Zwölf war ein verdammt anstrengendes Alter, wie Blake in den letzten Monaten feststellen musste. Sein Bruder begann Grenzen auszutesten und machte es ihm nicht immer leicht. Er würde es niemals zugeben, aber insgeheim war Blake sogar froh darüber. Ein weiterer Schritt in Richtung Normalität, die er sich für Sam mehr als alles andere wünschte. Dementsprechend schwer fiel es ihm, hart zu bleiben und auf Sams Hilfe zu bestehen.
Juan kannte glücklicherweise weniger Skrupel. »Es gibt Abendessen, sobald es hier wieder manierlich aussieht.«
»Es ist nicht meine Schuld, dass du in den letzten Wochen den halben Trailerpark zu deinen Posadas eingeladen und wie am Fließband Buñuelos gebacken hast«, erwiderte Sam mürrisch.
»Soweit ich mich erinnere, hattest du daran einen erheblichen Anteil. Ebenso daran, dass die Buñuelos schneller weg waren, als ich sie backen konnte«, konterte Juan.
»Nur weil Blake nicht erlaubt hat, dass ich zu einer Posada einlade.«
»Weil ich arbeiten musste«, warf Blake ein, der bereits begonnen hatte Wasser in die Spüle zu lassen. »Also, willst du abwaschen oder abtrocknen?«
»Abtrocknen natürlich.«
»Dann los. Je früher wir fertig sind, umso eher können wir den Rest der Ferien genießen. Juan gibt mir schließlich nicht immer Urlaub über Weihnachten hinaus.«
»Pah, dafür kannst du dich bei meiner Schulter bedanken.«
Blake, der genau wusste, dass es eher damit zu tun hatte, dass Juan ihm ein paar freie Tage mit Sam und der besonderen Weihnachtsüberraschung verschaffen wollte, bemühte sich sein Grinsen zu verbergen.
»Was uns allerdings keinen Schritt näher an die Lösung des Santa Claus Problems bringt«, fuhr der Mexikaner fort, was Blake sofort wieder ernst werden ließ.
»Ich sagte doch, ich verteile die Spenden an die Kinder.«
Juan winkte ab. »Du wirst beschäftigt genug sein, diesen hyperaktiven Floh, den du Bruder nennst, zu bändigen. Ich hab mir bereits etwas einfallen lassen, wie wir das hinbekommen. Falls das nicht funktioniert, muss es ohne die Santa Claus Verkleidung gehen und sie holen sich ihre Päckchen einfach hier ab.«
»Aber ich hab extra dafür ein Elfenkostüm«, wandte Sam ein, der offenbar seine Chancen auf eine nächtliche Runde über den Trailerpark in der Nacht zum 25. Dezember schwinden sah.
»Das du albern und kindisch gefunden hast.«
»Gar nicht wahr. Nur die Strumpfhosen sind albern. Die sind geringelt!«
»Es sind Leggins, keine Strumpfhosen.«
»Das macht es nicht besser!«
»Es wäre schade, wenn die Aktion ins Wasser fallen würde«, schaltete sich Blake in das Geplänkel zwischen Juan und seinem Bruder ein. »Du hast eine Menge Zeit investiert, um den Kindern deren Eltern es sich nicht leisten können, wenigstens einen kleinen Wunsch zu erfüllen. Allein die Suche nach Investoren …«
»Wie gesagt, ich hab einen Notfallplan.«
»Weihst du uns ein?«
»Später. Jetzt setzt euch hin. Das Essen ist fertig«, sagte Juan und deutete in Richtung der Essecke. »Ich hoffe, es ist genug Chili und Knoblauch drin.«
»Gib Blake bloß kein Chili!«, rief Sam, während er die letzte Schale wegstellte, die er abgetrocknet hatte. »Er bekommt wieder Blähungen und ich muss es ausbaden!«,
»Von meinem speziellen Chilipulver sicher nicht«, widersprach Juan, offensichtlich darum bemüht eine McLain’sche Auseinandersetzung zu verhindern.
»Ach ja? Das letzte Mal als du ihn mit Chili vollgestopft hast, haben sich über Nacht unsere Vorhänge grün gefärbt!«
»Herrgott noch mal, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich die gekauft und die roten Dinger weggeworfen habe, weil sie Löcher hatten!«, protestierte Blake.
»Würde ich auch behaupten, wenn meine Ausdünstungen selbst den Vorhängen Übelkeit bescheren!«
»Sprich nicht so, Junge. Schon gar nicht so kurz vor Weihnachten!«, mahnte Juan.
Blake barg den Kopf in den Händen und stöhnte. »Wie einfach wäre es, wenn du an Santa Claus glauben würdest und ich dich mit dem Hinweis ruhigstellen könnte, dass er dir nichts zu Weihnachten bringt, wenn du dich nicht benimmst.«
»Ich hätte gern an ihn geglaubt«, meinte Sam wesentlich ruhiger.
Seine Worte hinterließen eine fade Stille im Raum.
Im Labor hatte es kein Weihnachten gegeben, und hätte Blake ihm nicht davon erzählt, hätte Sam nie erfahren, dass es so einen Tag überhaupt gab.
Als Sam Blakes Blick bemerkte, grinste er schief. »Bekomme ich was vom Punsch?«
»Du kannst was von der alkoholfreien Version haben«, erwiderte Blake, wobei er so tat, als hätten Sams Worte ihn nicht unvermittelt in die Vergangenheit geschleudert.
»Jetzt hört schon mit diesen miesepetrigen Mienen auf!«, knurrte Juan und stellte nacheinander dampfende Schalen voller Maissuppe auf den Tisch.
Sofort hellte sich Sams Miene auf. Er wollte gerade nach dem Löffel greifen, als ein Klopfen an der Tür ihn unterbrach. Besorgt hielt er mitten in der Bewegung inne.
Auch Blake spannte sich. »Erwartest du jemanden?«
»Möglicherweise.« Juan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wir sind belegt«, rief er in Richtung Tür, den Posada Traditionen entsprechend.
»Lass mich rein, alter Mann, bevor ich dir Rentiermist in die Socken stecke«, kam es zurück.
Blakes Miene verfinsterte sich, Sam hingegen sprang auf. »Onkel Ian?«
»Setzt dich wieder hin, junger Mann!«, wies Juan ihn zurecht. »Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, wird jeder Gast zweimal abgewiesen, bevor er reinkommt. Es ist Weihnachten, verflucht nochmal!«
»Aber es ist Onkel Ian!«
»Der kann genauso dreimal anklopfen wie alle anderen auch!«
»Ernsthaft, Juan«, dröhnte es von draußen. »Du ziehst dieses Spiel echt durch?« Die Tür vibrierte unter hämmernden Schlägen. »Du lässt einen einarmigen Mann in der Kälte stehen?«
»Wir sind belegt!«, rief Juan zurück. »Ist das denn so schwer, sich an ein paar Regeln zu halten?«
»Das waren zweimal abgewiesen, darf ich ihm jetzt aufmachen?«, fragte Sam ungeduldig.
»Erst wenn er ein drittes Mal um Einlass bittet.«
Doch anstelle des Klopfens ertönte ein ebenso lauter wie schräger Gesang.
»It was Christmas eve, babe. In the drunk tank. An old man said to me Won’t see another one.«
»Ich dachte, du magst Weihnachten nicht«, rief Juan zurück. »Trotzdem singst du dieses Lied?«
»Ich bin Ire! Wir singen ›Fairytale of New York‹ bei jeder sich bietenden Gelegenheit«, schoss Ian zurück, um gleich darauf weiter zu singen. »Got on a lucky one. Came in eighteen to one. I had a feeling that years. For me and you.«
Juan stellte sich taub, während Blake das Gesicht verzog. Singen gehörte eindeutig zu den Dingen, die der Ire nicht beherrschte.
»Himmel, du sturer mexikanischer Gartenzwerg, mach die Tür auf Es ist schweinekalt hier draußen!«
»Jetzt aber!«, rief Sam und lief, ohne auf eine Antwort zu warten, zur Tür und riss sie auf.
Obwohl Ian eine Stufe unter ihm stand, konnte Sam ihm direkt in sein mürrisches Gesicht sehen.
»Onkel Ian!«
»Hey Wischmopp.« Der Ire wuschelte ihm durchs Haar bevor er eintrat. Sofort schüttelte er missbilligend den Kopf. »Maissuppe? Wirklich? Wie ich es mir dachte. Du verdirbst die Jungs mit deinen Traditionen.«
Juan ließ sich nicht von dem griesgrämigen Gesichtsausdruck des einarmigen Hünen beeindrucken. Er bahnte sich einen Weg durch das Chaos aus zusätzlichen Stühlen und dem Weihnachtsbaum, der aus Platzmangel neben der Badezimmertür stand und schloss den Iren in die Arme.
»War die Fahrt so hässlich wie dein Anblick, oder ist dir die mürrische Miene schon in Fleisch und Blut übergegangen.«
Ian hob eine Braue und machte eine Geste, die den ganzen Raum umschloss. »Es ist dieser Anblick, der mich mürrisch werden lässt. Du hast ernsthaft einen Mistelzweig aufgehängt? Das ist eine irische Tradition. Außerdem habe ich nicht vor, einen von euch zu küssen! Wie willst du aus den Jungs hier richtige Männer machen, wenn du sie mit diesem ganzen Weihnachtsquatsch zuschüttest?«
»In der Bowle ist Tequila«, verriet Sam.
Juan warf ihm einen warnenden Blick zu. »Du lässt die Finger davon, Kleiner!«
»Ich sag doch nur!«
»Tequila kann getrunken werden, wenn nichts anderes da ist«, grolle Ian, was Juan zum Grinsen brachte.
»Wie gut, dass ich vorgesorgt habe. Blake holst du mal die Überraschung für Ian?«
»Überraschung? Was soll der Blödsinn. Ich bin hier, weil du mir geschrieben hast, dass ihr Personenschutz braucht.«
»Brauchen wir auch«, antwortete Juan seelenruhig und setzte sich wieder, während Blake verschiedene Schalen und Platten auf den Tisch stellte. »Ich erwarte morgen einen Gast und habe versprochen, dass er hier sicher sein wird.«
»Wen denn?«, fragte Sam.
»Den Weihnachtmann.«
»Den gibt es nicht.«
»Das war Juans Art dir zu sagen, dass dich das nichts angeht, Sam«, wies Blake seinen Bruder milde zurecht, bevor er Juan zuraunte: »Das ist dein Plan? Ian soll Santa spielen?«
Sein Boss zuckte nur mit den Schultern, bevor er aufzählte: »Gewürztes Rindfleisch, irisches Brown Bread, geräucherter Lachs, Plum Pudding und nicht zu vergessen: Guinness Bier und original irischen Winterwärmer aus Whiskey, Zitronen, Gewürznelken und braunen Zucker. Aus Platzgründen nach der Zubereitung wieder in Flaschen umgefüllt, aber wir brauchen das Zeug nur aufzuwärmen.«
Mit einem Schnauben ließ sich Ian auf einen der Stühle fallen, der unter seinem Gewicht ein hörbares Knarzen von sich gab, stützte den Ellenbogen auf den Tisch und musterte Juan.
»Das sieht wie eine Bestechung aus. Was willst du von mir?«
»Kann ich einem Freund nicht einmal etwas Gutes tun, ohne dass mir unlautere Absichten unterstellt werden?«
Ian verdrehte die Augen, während Sam ehrfürchtig nach einer der Whiskeyflaschen griff. Er stieß einen empörten Schrei aus, als Blake ihm diese sofort entzog.
»He, das ist meine!«
»Davon träumst du auch nur.« Blake wandte sich Ian zu, bevor der eingreifen konnte. »Du brauchst gar nicht erst den Mund aufmachen. Kinderpunsch für Sam. Er wird keinen Alkohol trinken!«
»Bist du dir da ganz sicher?«
Juan!« Blake warf dem Mexikaner einen hilfesuchenden Blick zu, der versuchte sein eigenes Grinsen zu verstecken, indem er sich abwandte, um ein weiteres Gedeck für den Iren zu holen.
»Jetzt setzt euch wieder hin und esst weiter. Sam wird keinen Kater riskieren. Immerhin wird er wissen wollen, was Santa ihm in die Socken gesteckt hat. Ihr habt sie doch aufgehängt?«
»Ich meine schon!« Sam sah zu seinem großen Bruder. »Aber ich glaube Blake noch nicht. Weil er es uncool findet!«
»Weil ich die Dinger fülle«, grummelte Blake, was ihm einen Klaps auf den Hinterkopf von Juan einbrachte.
»Nur weil du glaubst, erwachsen zu sein, wirst du dich nicht den weihnachtlichen Traditionen entziehen.«
»Pah, Weihnachten«, warf Ian ein. »Nichts als Kommerz und verlogene Idylle.«
»Musst du unbedingt versuchen, Sam das Fest zu verderben?«, fuhr Blake dazwischen.
»Ich verderbe ihm gar nichts. Je eher er lernt, dass das alles nichts weiter als riesengroße Sch…«
Blake räusperte sich, was ihm einen drohenden Blick von Ian einbrachte, bevor der Sam ansah und etwas ruhiger fortfuhr, »… riesiger Humbug ist, desto besser für ihn.« Dann nahm er Blake erneut ins Visier. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst daran arbeiten, dir deine Emotionen nicht zu deutlich anmerken zu lassen? Aktuell wirkst du, als wolltest du mir an die Kehle springen. Ich dachte, Juan ist besser darin, jemanden auszubilden.«
»Hör auf, sie gegen mich aufzuhetzen, und lass uns essen. Blake hat sich Mühe gegeben.«
Ian hob eine Braue. »Der Junge hat gekocht? Dann lass sehen, ob er wenigstens in der Lage war, einen vernünftigen irischen Winterwärmer zu brauen. Nicht dass du den Whiskey verwässert hast.«
»Hat er nicht!«, verteidigte Sam seinen Bruder mit aller Inbrunst, die ein zwölfjähriger aufbringen konnte. »Ich hab probiert!«
Blakes Kopf fuhr zu ihm herum. »Wann hast du … Juan! Du hast gesagt, das Zeug wäre sicher vor ihm.«
Ian lachte dröhnend, bevor er Sam mit seiner Pranke auf die Schulter hieb. »Den Wischmopp lobe ich mir. Zwar noch immer eine Frisur wie ein Mädchen, aber er hat die richtige Einstellung.«
Sam grinste breit und schob sich einen weiteren Löffel Suppe in den Mund. »Ihr könnt euch ruhig mal eine Scheibe von mir abschneiden«, meinte er, kaum dass er geschluckt hatte.
»Ganz genau«, warf Ian ein und hielt Blake auffordernd sein Glas entgegen. »Mach mal voll.«

Kapitel 2
Am nächsten Morgen trat Blake in der Empfangshalle des Flughafens ungeduldig von einem Bein auf das andere, während er über die Köpfe der ihn umgebenden Menschen blickte.
Dabei versuchte er, das Hämmern in seinem Schädel zu ignorieren. Irischer Whiskey zusammen mit Tequila veredeltem Punsch war eine Kombi, die sich am nächsten Tag aufs Übelste rächte. Beinahe hätte er nach dem Aufstehen zu einer Schmerztablette gegriffen, doch seit dem Labor mied er alles, was auch nur ansatzweise mit Medikamenten zusammenhing.
Entgegen seinen Erwartungen war der Abend doch noch unterhaltsam gewesen. Juans Geschichten alleine waren schon der Hammer. Gemeinsam mit Ian aber lief der Mexikaner zur Höchstform auf. Da es sehr spät geworden war, konnte Blake es sich erlauben, Sam im Trailerpark zurückzulassen. Sein Bruder schlief eh noch und sowohl Juan, als auch Ian würden ein wachsames Auge auf ihn haben.
Der vertraute Umriss einer Frauengestalt lenkte Blakes Gedanken wieder ins Hier und Jetzt. Er drängelte sich noch etwas weiter an die Absperrung und hob die Arme, um zu winken.
»Erin!«
Die schlanke Frau sah sich suchend um. Als sie ihn entdeckte, glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie schulterte ihre Sporttasche und kam entschlossenen Schrittes auf ihn zu.
»Na, wo ist mein großes Sorgenkind?«, begrüßte sie Blake mit weit ausgebreiteten Armen.
Blake drückte sie, als wolle er sie nie wieder loslassen. »Sam schläft noch«, sagte er dann. »Also weit und breit keine Sorgenkinder in Sicht. Er wird sich so freuen, dich zu sehen.«
»Es wundert mich, dass er nicht mitgekommen ist.«
»Er weiß gar nicht, dass du kommst. Es soll eine Überraschung sein.«
»Du hast es tatsächlich geschafft, es ihm nicht zu sagen?«
»Natürlich habe ich das.« Blake straffte die Schultern. »Hast du etwa geglaubt, ich würde mich verplappern?«
»Ich dachte, Sam würde es dir aus der Nase ziehen«, meinte sie lachend. »Gut siehst du aus.«
Blake strahlte. »Danke, es geht uns auch gut. Du hast einen super Trailerpark ausgesucht. Ich glaube, dort könnten wir vielleicht dauerhaft bleiben. Sam ist richtig aufgetaut. Er hat Anschluss an die anderen Kinder gefunden und manchmal eine viel zu große Klappe.« Er rieb sich den Hinterkopf. »Ich weiß, ich müsste ihn bremsen, aber es tut so gut ihn so zu sehen. So unbeschwert …«
Erins Lächeln wurde noch einen Deut wärmer. »Es freut mich wirklich, das zu hören. Lass uns fahren. Ich kann es kaum erwarten, den kleinen Racker zu sehen.«
Blake nickte, schnappte sich Erins Tasche und ging voran.
»Hast du dir eigentlich ein Hotelzimmer gemietet?«, fragte Blake, als sie im Wagen saßen.
»Ich dachte, ich kann bei euch schlafen?«
»Ich habe gehofft, dass du das sagst« Blake grinste, wurde aber schnell wieder ernst. »Es ist nur vielleicht nicht ganz das, was du gewohnt bist. Ich meine, wir haben eine Gasheizung, aber die Isolierung vom Trailer ist nicht die Beste. Wenn die Heizung nur eine kleine Weile nicht an ist, kann es ziemlich kalt werden. Die Dusche ist etwas klein. Ich passe kaum noch drunter und es wird etwas eng zu dritt im Trailer, aber wir wollen eh bei Juan feiern. Er hat mehr Platz und …« Er bemerkte, dass er ins Schwafeln geriet und riss sich zusammen. »Wir würden uns wirklich sehr freuen, wenn du unser Gast bist. Ich habe übrigens gekocht. Mexikanisch und irisch. Ich hoffe, du magst Fisch? Ian wird bestimmt rumnörgeln, dass es keinen Truthahn gibt. Obwohl, vielleicht auch nicht. Er scheint Weihnachten nicht besonders zu mögen.«
»Blake … Blake!« Erst als sie ihm einen Arm um die Schultern legte, verstummte er. »Ich bin nicht die First Lady. Wenn du und Sam da seid, und ich etwas Warmes zu essen bekomme, habe ich alles, was ich brauche!«
Sofort wurde er ruhiger. »Ich bin wohl etwas nervös«, gab er zu. »Du bedeutest uns viel und … Naja, ich möchte, dass es dir bei uns gefällt. Und bei Juan.« Hoffentlich mochte sie ihn. »Ihr seid beide wichtig für uns.«
»Es ist nicht so, als ob ich euch weniger mögen würde, nur weil das Essen zu salzig oder dein Arbeitgeber unfreundlich ist. Und jetzt konzentrier dich auf die Straße.«
Erst jetzt merkte Blake, dass sie bereits am Trailerpark angekommen waren. Er fuhr den breiten Weg entlang, wobei er Erin ab und zu einen Seitenblick zuwarf. Ihr schien die ganze Weihnachtsdeko zu gefallen, unter der so mancher Trailer beinahe verschwand. Ob es sie stören würde, dass er sich damit arg zurückgehalten hatte? Innerlich verdrehte er die Augen. Was war nur mit ihm los? Das hier war Erin. Sie würde sich nicht über solche Dinge aufregen.
»Oh, Juan ist fast nie unfreundlich. Okay, er wirkt manchmal so, aber er ist echt ein toller Typ«, sagte er, während er vor Juans Grundstück parkte, damit Sam Erin nicht zu früh bemerkte. »Ian allerdings … Du erinnerst dich? Ich habe dir von ihm erzählt. Riesiger Kerl mit nur einem Arm und einer gewöhnungsbedürftigen Einstellung zu antialkoholischen Getränken.«
»Ja, ich glaube, du mochtest ihn nicht.«
»Er ist schon in Ordnung. Nur etwas laut, mürrisch und … Naja, Ian halt. Er ist ja auch nur ab und zu bei Juan zu Besuch.«
»Weiß ich doch.« Sie stieg aus dem Wagen. »Sam schläft noch?«
Blake folgte ihr. »Glaub ich nicht. Er hat geschlafen, als ich losgefahren bin, aber du kennst ihn. Keine zehn Pferde halten ihn länger im Bett als nötig. Wollen wir nachschauen?«
»Was für eine Frage. Wie wäre es, wenn du ihm etwas zum Frühstück machst und ich klopfe später überraschend an eure Tür?«
»Wir wollten bei Juan frühstücken. Es ist noch so viel Brown Bread, Lachs und gewürztes Rindfleisch da. Aber gegen ein paar Eier und Pfannkuchen zusätzlich wird niemand etwas einzuwenden haben. Willst du dir solange den Park ansehen oder dich im Auto verstecken?«
»Ich vertrete mir ein bisschen die Beine. Der Flug war lang genug.«
Blake nickte und konnte nicht widerstehen sie erneut kurz zu drücken, bevor er sich auf den Weg zum Nachbargrundstück machte. An der Hecke drehte er sich noch einmal um. »Ich lasse die Tür unverschlossen, dann kannst du einfach reinkommen.«

Sam hob den Kopf aus den Kissen, als er das Schloss des Wohnwagens klicken hörte. Trotz der Heizung fröstelte es ihn.
»Wie spät ist es?«, nuschelte er, als Blake im Trailer erschien. »Und wo warst du?«
»Spät genug fürs Frühstück, du Schlafmütze«, erwiderte Blake.
»Ich bin keine Schlafmütze!«, maulte Sam und kämpfte sich aus der Decke. Als seine nackten Füße den Boden berührten, quietschte er und zog sie erschrocken zurück. »Wo sind meine Pantoffeln?«
»Vermutlich bei Juan im Garten. Du hast sie verloren, als ich dich davon abhalten musste, zusammen mit Ian dieses Weihnachtsschwimmen abzuhalten. In einem leeren Planschbecken.« Blake schnappte sich die Eier und den Speck. »Ich geh schon mal rüber, und fange an das Frühstück zuzubereiten. Mach du dich erst mal vorzeigbar. Nicht, das E …« Verdammt, beinahe hätte er sich doch noch verplappert. »Ian einen Schock bekommt, wenn er dich so sieht.«
»Als ob ihn das stört.«
Sam schüttelte den Kopf und tapste auf Zehenspitzen zum Schrank, wo er sich ein dickes Paar Wollsocken herausfischte, die er hastig, auf einem Bein hüpfend, überzog. Als er damit fertig war, war Blake längst verschwunden. Murrend zog er sich seine dicken Stiefel und die Daunenjacke an.
Vorzeigbar, dass er nicht lachte. Als ob sein Schlafanzug nicht ausreichend wäre, nach einem Abend wie dem gestrigen.
Die Arme um sich geschlungen wagte er sich in die Kälte hinaus. Eine dünne Schicht Schnee lag auf dem Pfad der zu Juans Trailer hinüberführte. Er klopfte und trat dann ein, ohne sich an Juans Posada Regel zu halten. Immerhin gehörte er zur Familie..
Im Inneren war es wesentlich wärmer als in ihrer Behausung, was ihm einen wohligen Schauer bescherte.
»Guten Morgen!«
Juan gab einen murrenden Laut von sich. Offensichtlich hätte er seine Nase lieber noch tiefer in seine Kaffeetasse versenkt. »Stopp den Iren, Sam. Er wirft mir seit geschlagenen zehn Minuten vor, dass ich deinem Bruder die Kocherei überlassen habe, anstatt mit ihm zu trainieren.«
»Du hast nur eine ausgekugelte Schulter, alter Mann. Das ist kein Grund so zu tun, als wärst du handlungsunfähig«, meckerte der Ire und schlug geschickt Eier in die Pfanne. »Obwohl ich zugebe, dass der Junge seine Sache gut gemacht hat. Morgen, Kurzer«, wandte er sich dann an Sam. »Du kommst genau richtig. Deck schon mal den Tisch. Ein paar der Schalen passten nicht in den Kühlschrank. Sie stehen draußen. Du kannst … Warte, ich hol die. Blake, das Brot muss aus dem Ofen, bevor es verbrennt. Juan steh nicht im Weg herum. Mach dich nützlich und setzt den Winterwärmer auf.« Er wendete die Eier und verschwand nach draußen.
»Warum ist er denn so aufgedreht?«, fragte Sam verwirrt und verzog sich auf seinen Platz auf der Eckbank.
»Zu wenig Schlaf, zu viel Whiskey?«, meinte Blake lapidar.
»Von wegen zu wenig Schlaf. Er hat mir die ganze Nacht ins Ohr geschnarcht«, brummte Juan.
Sam wollte schon antworten, dann runzelte er die Stirn und sah abwechselnd von Blake zu Juan. »Was ist hier los?«
»Ich schnarche nicht, ich atme nur laut, um dir zu zeigen, dass ich noch am Leben bin«, entgegnete Ian, der in dem Moment wieder in den Caravan kam und drei Schalen in seiner riesigen Pranke balancierte. »Nimm mir die mal ab«, wies er Sam an.
»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet!«
»Welche Frage«, wollte Blake wissen, während er das Blech mit dem Brot aus dem Ofen zog.
»Warum ihr euch so seltsam verhaltet!«
»Seltsam? Wer benimmt sich seltsam?«
Murrend ging Sam zu Ian und erlöste ihn von zwei der Schüsseln. »Ich bin vielleicht erst zwölf, aber nicht blöd!«
Blake legte das Brown Bread in den Korb und brachte ihn zum Tisch. »Ian versucht, den Schlafmangel mit Aktivität zu kompensieren. Juan ist sauer, weil Ian ihm gesagt hat, ein nutzloser Arm wäre kein Grund, sich anzustellen. Und ich bereite meinem Lieblingsbruder ein Frühstück, damit er bei Kräften ist, wenn Juan uns nachher in die Kirche schleppt.«
»Und warum hast du Lippenstift auf deiner Wange?«
»Habe ich?« Blakes Hand fuhr hoch zu seinem Gesicht.
Juan lachte. »Du kennst doch deinen Bruder. Der hat an jeder Ecke ein Mädchen, das nur auf ihn wartet.«
Die Falten auf Sams Stirn wurden nur noch tiefer. »Aha. Kann ich was zu trinken kriegen, wenn mir schon keiner sagt, warum ihr alle so komisch gelaunt seid?«
»Klar.«, Ian stellte ihn die Kaffeekanne vor die Nase. »Einfüllen kannst du ja selbst«:
»Ich glaube, Kakao ist ihm lieber«, erklang da eine Frauenstimme von der Tür.
Sam hob den Kopf. Blinzelte. Sah zu Blake, der ihn breit angrinste und blinzelte wieder.
»Erin!«
Er sprang auf, als hätte sein Platz Feuer gefangen. Stieß den Tisch an, dass beinahe der Kaffee aus der Kanne geschwappt wäre, drückte sich an Blake vorbei und lief Erin in die Arme. Die Nase tief in ihrem Mantel vergraben, nahm er nichts wahr außer ihrem vertrauten Geruch und ihrem Lachen, aber das reichte aus, um ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit Freude zu füllen.
»Und ich dachte, den Weihnachtsmann gibt es nicht«, nuschelte er in den warmen Stoff.
»Dein Bruder hat ihn in diesem Jahr vertreten«, erwiderte Erin und drückte Sam fest an sich. »Mithilfe von Juan, der vermutlich solange auf ihn eingeredet hat, bis er zustimmte, dass ein Treffen ungefährlich ist.«
»Sind ja auch genug hier, die ein Auge auf euch haben«, schnaubte Ian.
»Ich bin so froh, dass du da bist«, hauchte Sam ungläubig, der nicht einmal mehr sagen konnte, wann er Erin zuletzt gesehen hatte.
»Was soll das denn heißen«, fragte Juan.
»Dass Erin den besten Kakao der Welt macht!«, prahlte Sam. Er sah zu ihr auf und wies dann auf Juan. »Erin, das ist Juan.«
Erin lächelte den Mexikaner freundlich an und trat auf ihn zu, um ihm die Hand zu reichen. »Freut mich Sie kennenzulernen. Die Jungs haben mir viel von Ihnen erzählt.«
»Nur Gutes hoffe ich«, meinte der und rieb sich den Nacken.
»Hauptsächlich«, sagte Erin, bevor sie sich an Ian wandte. »Und Sie sind Ian, nehme ich an. Auch von Ihnen habe ich viel gehört.«
»Weniger Gutes, denke ich«, antwortete er und grinste breit.
»Ich gebe nicht viel auf das, was ich über andere höre. Aber ich muss zugeben, dass mir Ihre Einstellung zum Alkoholkonsum von Minderjährigen nicht gefällt.«
Ian winkte ab. »Wären Sie Irin, würden Sie es verstehen.«
Als ihn ein finsterer Blick, sowohl von Blake, als auch von Erin traf, hob er die Hände. »Ich mag die Jungs, okay. Vor allem den Kurzen. Ich passe schon auf, dass er es nicht übertreibt, so wie meine Männer aufpassen, dass sich niemand zur Weihnachtszeit hier einnistet, der hier nicht hergehört.«
»Ihre Männer?«, fragte Erin. Bevor Ian antworten konnte, winkte sie ab. »Vermutlich will ich es gar nicht wissen. Einigen wir uns einfach darauf, dass Sie wissen, wie man sich um die Sicherheit eines Menschen bemüht, so wie ich es mit der Gesundheit weiß.«
»Nun übertreiben Sie nicht, Lady. Jeder, der schon mal eine Sendung über Naturheilkunde gesehen hat, behauptet, sich mit Gesundheit auszukennen.«
»Ich bin Ärztin.«
Ian verstummte sichtlich überrascht.
Blake lehnte sich grinsend an die Anrichte. »Dass ich ihn je sprachlos erleben würde«, raunte er Juan zu. Allerdings laut genug, dass alle es hören konnten.
»Merk dir diesen Tag, Junge«, erwiderte Juan. »Das ist selten. Und jetzt lasst uns frühstücken. Ich habe Hunger.«
Während des Essens konnte Blake gar nicht aufhören zu grinsen. Sam plapperte wie ein Wasserfall, begierig darauf, Erin jede Kleinigkeit aus seinem Leben zu berichten, während Ian ungewohnt still blieb.
»Wo wir gerade so schön beieinandersitzen«, sagte Juan irgendwann, »lasst uns doch noch einmal über die Spendenaktion sprechen.« Da sein Blick dabei fest auf Ian lag, konnte kein Zweifel aufkommen, wen er meinte. »Es ist Tradition im Park, dass Santa in der Nacht zum 25. Dezembers die Geschenke verteilt, die gespendet wurden. Nur leider ist Santa dieses Jahr gehandicapt«. Er wies auf seinen Arm, der in einem Streckverband steckte. »Er könnte also Hilfe gebrauchen.«
»Ich sagte dir bereits, dass ich diese Ausrede nicht gelten lasse«, erwiderte Ian und hob die rechte Schulter, die in einem Stumpf endete. »Ich kann auch nur einen Arm benutzen und stelle mich nicht an wie ein Kleinkind.«
»Du hast ja auch jahrzehntelange Übung hinter dir und bist es gewohnt, mit nur einem Arm klarzukommen. Gib deinem steinernen Herzen einen Ruck, Ian. Du musst nicht mal das Santa Kostüm tragen. Mir ist nur wichtig, dass die Kinder ihre Geschenke vor der Tür liegen haben, wenn sie am Morgen aufwachen.«
»Dieser ganze Weihnachtsschwachsinn ist nichts als Kommerz. Wer Geschenke will, soll sich einen Job suchen.«
»Dir würde ein wenig Demut manchmal nicht schaden!«, feuerte Juan zurück.
»Ich kann das machen!«, meinte Sam.
Blake legte ihm eine Hand auf den Arm. »Wir hatten doch darüber gesprochen, Sam. Das ist eine Menge Schlepperei, die du alleine nicht schaffst. Ich habe Juan auch schon meine Hilfe angeboten, aber er besteht darauf, dass wir uns um Erin kümmern und mit ihr Weihnachten genießen sollen.«
»Den Jungen lobe ich mir«, warf Ian ein. »Sag mir Sam, hast du ein Geschenk für deinen Bruder?«
»Klar, Moment.« Er begann in seiner Jackentasche zu wühlen, die hinter ihm auf der Bank lag, wo er sie wie immer achtlos hin gestopft hatte.
»Wirst du dein Geschenk wohl in die Socke tun und nicht so herzlos überreichen!«, maulte Juan.
»Das lohnt sich doch …« Als Sam Juans strengen Blick sah, stand er seufzend auf. Sein Geschenk sorgsam im Ärmel seines weiten Pyjamaoberteils versteckt.
»Blake guck weg!«, forderte er seinen Bruder auf, bevor er zum Regal ging, wo sie ihre Socken an die Griffe gehängt hatten.
Vorsichtig platzierte er das schmale Päckchen darin, dann ging er zurück auf seinen Platz.
»Woher hast du das Geld für das Geschenk«, wollte Ian wissen.
»Verdient«, verkündete Sam stolz. »Juan hat mich Schrauben sortieren lassen. Sieh schon rein, Blake!«
»Die Geschenke werden erst morgen früh aufgemacht«, stellte Juan klar und stoppte damit Sams Übermut.
Ian schnaubte. »Als ob das einen Unterschied macht. Ich hab euch übrigens etwas mitgebracht, Jungs. Wollt ihr es haben?«
Sam riss die Augen auf. Ian war so sparsam mit lobenden Worten wie mit antialkoholischen Getränken, und ein Geschenk von ihm, war ein ganz besonderes Zugeständnis.
»Du hast uns was mitgebracht?«, fragte er ungläubig. »Aber du bist …« Er verstummte und sah hilfesuchend zu Blake.
»Ich dachte, du hältst nichts von Geschenken zu Weihnachten«, warf der ein.
Der Ire winkte ab. »Du arbeitest hart und trainierst noch zusätzlich, genau wie der kleine Wischmopp. Da kann eine kleine Aufmerksamkeit nicht schaden. Auch wenn ich sie euch wohl erst morgen früh geben darf, so wie Juan mich ansieht. Was allerdings diese bescheuerte Spendenaktion angeht, die unterstütze ich nicht. Wer einen Haufen Gören in die Welt setzt, soll sich auch selbst drum kümmern, wo er die Geschenke für sie herkommt.«
»Arm zu sein, ist keine Schande«, warf Erin scharf ein.
»Das habe ich auch nicht gesagt«, gab Ian zurück.
»Gesagt nicht. Aber Sie reagieren so, als ob Sie genau das meinen. Was ist so schrecklich daran Kindern zu Weihnachten eine Freude zu machen. Darum geht es doch an diesen Tagen. Nicht um Kommerz oder das gute Essen..«
»Warum spenden Sie dann nicht? Ich habe genug andere Mäuler zu stopfen.«
»Du sollst nichts spenden, sondern lediglich helfen, die Geschenke verteilen, du sturer Esel«, ätzte Juan.
»Was mich Zeit kostet. Glaubst du, ich hab die zu verschenken?« Ian stemmte sich in die Höhe. »Wenn du mich nur deshalb hergebeten hast, fahre ich wieder.«
»Ich hab dich herbestellt, weil niemand Weihnachten allein verbringen sollte.«
»Ich wäre nicht allein gewesen!«
»Aber auch nicht bei deiner Familie! Oder zählst du mich nicht mehr dazu?«
»Nicht streiten!«, flehte Sam, der mit zusehends besorgter Miene der Auseinandersetzung der beiden gefolgt war.
»Du hast den Jungen gehört«, sagte Juan. »Also hör auf vor ihrem Gast einen schlechten Eindruck zu hinterlassen und setz dich wieder hin. Blake, bring diesem Dickschädel mehr Winterwärmer. Der hebt immer seiner Laune.«
»Ja ja, gib schon her und dann lasset Frieden einkehren in der Weihnachtszeit und den Menschen ein Wohlgefallen … Wie ging das noch? Ist ja auch egal.« Der Ire hob seine Tasse und nahm einen tiefen Schluck.
»Mir scheint, irgendjemand hat Ihnen um Weihnachten herum mächtig ans Bein gepisst«, warf Erin ein, die am Herd stand, um Sam seinen Kakao zu machen.
Blake verschluckte sich prompt an seinem Kaffee. »Erin!«
»Was? Darf ich nicht mehr sagen, was ich denke?« Suchend blickte sie sich um, bevor sie sich an Juan wandte. »Haben Sie keine Marshmallows hier?«
»Nein, dieses amerikanische Teufelszeug kommt mir nicht in den Wohnwagen«, erklärte Juan seelenruhig.
»Es wagt niemand, mir ans Bein zu pissen«, grummelte Ian.
Erin zuckte mit der Schulter. »Heute vielleicht nicht mehr, aber wie war das, als Sie ein Kind waren?« Sie schüttelte den Kopf. »Blake, schau mal bitte im Wagen in meiner Tasche nach. Gleich oben müsste eine Tüte Marshmallows liegen. Aber wühl ja nicht weiter. Geschenke gibt es erst morgen.«
»Sie sollten dem Kleinen nicht so viel Zucker geben. Ich bin sicher, das schadet seinen Blutwerten«, grollte Ian.
Sam, der die dicker werdende Luft registrierte, wandte sich hastig an Erin. »Ist für heute irgendetwas Bestimmtes geplant?«
»Oh, Alkohol schadet seinen Blutwerten nicht?« Nach einem letzten vernichtenden Blick in Ians Richtung sah sie Sam an. »Ich bin zu allem bereit, was ihr heute noch vorhabt.«
»Kakao, Cookies und Weihnachtsfilme?«, schlug Sam mit leuchtenden Augen vor.
»Was deinem Zuckerkonsum zurzeit angeht, muss ich Ian recht geben«, schaltete Blake sich ein, der gerade wieder in den Caravan kam. »Echt, Erin, er ernährt sich nur von Keksen, Churros und Buñuelos.«
»Es ist Weihnachten, da kannst du das lockerer sehen.«
»Geht ihr ruhig Fernsehen«, meinte Juan. »Aber erledigt das bei Euch. Dann kann ich hier Klarschiff machen und mit Ian noch ein paar geschäftliche Dinge besprechen.« Die beiden tauschten einen vielsagenden Blick.
Sam sah freudestrahlend zu Erin hinüber. »Du machst doch mit, oder?«
Erin nickte und so verabschiedeten sich nach dem Frühstück von den beiden Männern, nachdem sie einwilligten, am Abend zusammen die Messe zu besuchen.

Im Caravan der Jungs, wandelte Blake die Sitzecke mit wenigen Handgriffen in ein Bett um und drehte den kleinen Fernseher so, dass sie alle bequem sehen konnten.
Sam kuschelte sich an Erin. »Müssen wir nachher wirklich in die Kirche?«
»Es ist Weihnachten da wird auch die Messe besucht, junger Mann!«, tadelte Erin, mit einem liebevollen Lächeln auf den Lippen.
Blake schnaubte. »Sofern Ian nachher überhaupt noch in der Lage dazu ist.«
»Die Kirche besucht er ja seltsamerweise immer. Nur alles andere mag er nicht«, gab Sam zu bedenken. »Komisch eigentlich, oder?«
»Oh, ich finde schon noch heraus, warum das so ist«, meinte Erin. »Wie hat er eigentlich seinen Arm verloren?«
Sams Augen begannen zu leuchten und bevor Blake ihn aufhalten konnte, sagte er: »Er hat seinen Auftraggeber betrogen. Der hat ihn zum Sterben in der Wüste zurückgelassen und als Juan Ian fand, musste er ihm den Arm abtrennen! Mit einer Machete!«
Erin öffnete den Mund, nur um ihn sofort wieder zu schließen. Anstatt etwas zu sagen, zog sie Sam ein wenig enger an sich und warf Blake einen fragenden Blick zu.
»Er ist in Ordnung, Erin, wirklich. Vielleicht etwas schräg und ganz sicher anstrengend, aber er ist Juans Freund. Und er mag Sam.«
»Dich mag er nicht?«
Sam kicherte. »Mich mag er definitiv mehr.«
»Weil du dich von ihm beeindrucken lässt. Mich mag er auch, nur behandelt er mich nicht wie ein Kind.«
Sam streckte ihm die Zunge raus und startete den Film. »Bist ja nur neidisch«, murrte er, während die Titelmelodie erklang.
Sie verbrachten einen ruhigen Tag mit Weihnachtsfilmen, vielen Leckereien und Gesprächen. Irgendwann am Nachmittag fielen Sam die Augen zu und er schlief ein.
Als sie sicher war, dass er nicht aufwachen würde, löste sich Erin behutsam von ihm. »Ich geh noch einmal rüber zu Juan.«
»Soll ich mitkommen?« Ihm war anzusehen, dass es ihm nicht gefiel, Erin allein gehen zu lassen.
Sie schüttelte den Kopf. »Ruh dich auch ein bisschen aus. Mir scheint, Juan hat dich hart schuften lassen, dem ganzen Essen nach, das er heute früh aufgetischt hat. Wir haben noch die ganze Woche zusammen.«
»Warte auf den Fisch heute Abend. Laut Juan soll er super lecker sein. Zumindest, wenn ich es schaffe, ihn vernünftig zuzubereiten.«
»Ich hege keinerlei Zweifel, dass du das hinbekommst«, entgegnete Erin, bevor sie den Wohnwagen verließ.
Es dämmerte bereits als sie an den fremden Wohnwagen klopfte.
Nachdem Juan sie – nach dreimaligem Klopfen – hereinbat, fasste sie sich ein Herz und öffnete die Tür. Nach Sams Erzählung war sie nicht mehr so sicher, ob sie den Eindruck, den sie von den beiden Männern gewonnen hatte, nicht noch einmal überdenken sollte. Andererseits hatte Sam eine überbordende Fantasie …
»Wer von Ihnen hat vor, den Weihnachtsmann zu spielen?«, fragte sie dennoch ohne Umschweife, als sie ins warme Innere trat.
»Eigentlich war es meine Aufgabe«, antwortete Juan und deutete auf die Schlinge, in der sein Arm steckte. »Aber wie Sie sehen, bin ich außer Gefecht gesetzt.«
»Humbug«, murmelte Ian. »Laufen kannst du und so einen kleinen Sack wirst du wohl auch mit einem Arm tragen können. Stell ihn halt ab, wenn du ein Geschenk herausholst.«
»Allerdings passen Sie wesentlich besser in die Rolle«, antworte Erin leichthin.
Ian stemmte seinen Arm in seine Hüfte. »Auf keinen Fall!«
»Wieso sind Sie dann hier? Sie beklagen sich über das Essen, die Bräuche und jetzt wollen Sie nicht einmal ihrem Freund helfen? Kommen Sie, das können Sie Sam nicht antun. Er freut sich darauf, den anderen Kindern eine Freude zu machen.«
»Der Junge muss lernen, dass nicht immer alles nach seiner Nase geht!«
Erins gute Laune verflog. »Nicht immer nach seiner Nase? Das ist erst das zweite Weihnachten, das er anständig feiern kann. Wenn ich Sie jetzt frage, was ihnen lieber wäre: Die Vergangenheit des Jungen oder ein weiteres Mal den Verlust Ihres Armes zu durchleben, wofür würden Sie sich entscheiden, hm? Von allen Kindern hat Sam Weihnachten am meisten verdient!«
»Ich kenne seine Vergangenheit nicht. Da spielen die Jungs Auster. Genauso wie Juan.«
»Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass sie sich ohne jeden Zweifel gegen seine Vergangenheit entscheiden würden«, zischte Erin. »Aber schön, ich sehe schon, abgesehen vom Trinken sind die Tätigkeiten von Erwachsenen an Ihnen vorübergegangen. Wo finde ich das Elfenkostüm, das Sam tragen wollte?«
Erin überging das Funkeln in Juans Augen. Sie begriff es nicht ganz, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass es ihn amüsierte, wie sie mit Ian sprach. Offensichtlich schien dem Mann selten widersprochen zu werden. Vielleicht wegen seines Handicaps oder seiner bedrohlichen Mimik.
Juan erhob sich, ging zum Schrank und holte das Kostüm heraus, das auf einem Bügel hing. »Es könnte Ihnen sogar passen. Wenn Sie mitmachen, würde ich mich glatt in das Santa Kostüm werfen und mir mit Ihnen die Nacht um die Ohren schlagen. Sam wollte zwar den Elf spielen, aber der Junge gehört nachts in sein Bett.«
»Sind das grün-weiß geringelte Strumpfhosen?«, fragte Ian und reckte den Hals. »Sie sollten das nicht tun, Lady. Immerhin sind Sie hier zu Besuch.«
»Ich bin hier, um meinen Jungs eine Freude zu machen.« Sie nahm Juan das Kostüm aus der Hand. Die Flügel könnten passen. Die Strumpfhosen vielleicht auch. Der Rest sicherlich nicht, aber das war ihr egal.
»Danke«, sagte sie an Juan gewandt und wandte sich zum Gehen.
»Jetzt erzähl schon, was mit den Jungs passiert ist«, hörte sie Ian sagen, bevor die Tür hinter ihr zufiel.
Kapitel 3
Am Abend begleiteten Erin, Blake und Sam Juan und Ian zur Messe. Sam langweilte sich dabei zu Tode und rutsche die gesamte Zeit über auf seinem Platz herum. Auch Blake hätte sich Besseres vorstellen können, aber um Juans Willen beugten er sich der Tradition. Ihm fiel allerdings auf, dass Ian und Erin sich nicht einmal ansahen. Auch war der Ire ungewohnt wortkarg.
Doch Blake kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn kaum waren sie zurück bei Juans Caravan, wurden sie von einer Horde Kinder umlagert.
»Zeit für die Piñata«, meinte Juan lachend.
Ian verdrehte die Augen und verzog sich ins Innere des Trailers. Sam hingegen trat unruhig von einem Bein aufs andere.
»Nun lauf schon«, sagte Blake und gab ihm einen kleinen Schubs.
»Erin, du bleibst doch noch, oder?«, fragte Sam.
»Noch bis zum Ende der Ferien. Keine Angst, ich laufe dir bestimmt nicht weg.«
Sam grinste erleichtert, bevor er losrannte und sich unter die anderen Kinder mischte.
Blake legte Erin einen Arm um die Schulter. »An manchen Tagen ist er wie ausgewechselt«, sagte er dann. »Das ist auch Juan und Ian zu verdanken.«
»Es freut mich, dass er sich so gut entwickelt hat. Aber dieser Ire ist unmöglich.«
Blake zuckte mit den Schultern. »Trotzdem hab ich das Gefühl, dass du ihn magst.«
Erin schnaubte. »Wie du gesagt hast, er ist laut und mürrisch. Was daran sollte mir gefallen?«
Bevor Blake antworten konnte, unterbrach Juan das Gespräch.
»Blake, hilf mir mal«, rief er. »Du musst das andere Ende der Kordel nehmen. Wir wollen es den größeren Kids doch nicht zu einfach machen.«
Blake verdrehte die Augen, löste sich aber von Erin und ging zu Juan hinüber.
Während er sich alle Mühe gab, die Piñata so lange wie möglich am Leben zu halten, warf er immer wieder einen Blick zu Erin. Sie schien zufrieden damit, zu beobachten, wie Sam und die anderen Kinder johlend herumtobten.
Rings um ihn herum erklang Kinderlachen, aber auch einige Erwachsene hatten sich vor Juans Trailer versammelt und verfolgten schwatzend das Treiben.
»Mas arriba – Höher! Abajo – Runter! Enfrente – Vor dir!«, riefen die Kinder durcheinander.
Es war laut, es war ein einziges Chaos, aber Blake genoss jede Minute davon.
Weihnachten, so dachte er, ist irgendwie doch etwas Besonderes.
Es war nicht Sam, der am Ende die Piñata zerschlug, doch er stürzte sich mit derselben Begeisterung auf die Beute, als hätte er es getan.
Juan verteilte währenddessen Punsch an die Kinder und gab einen ordentlichen Schuss Tequila in die Becher der Erwachsenen. Irgendwann stimmte jemand das Lied ›San José al Niño Jesús‹ an und sie sangen gemeinsam. Es folgte ›Jingle Bells‹ und endete mit ›Feliz Navidad‹. Der Gesang war schräg und disharmonisch, aber voller Inbrunst.
Nachdem sich die Gruppe aufgelöst hatte, gingen Sam und Blake zusammen mit Juan und Erin in Juans Trailer, wo ihnen bereits der Geruch von Ians heißgeliebten Winterwärmer entgegenschlug.
»Der Fisch ist im Ofen«, verkündete der Ire. »Die Tomatensauce kocht und wenn jemand den Salat, den Juan mich heute Nachmittag gezwungen hat zu schnibbeln, als wäre ich seine Abuela, auf den Tisch stellt, können wir essen.«
Blake tauschte einen überraschten Blick mit Juan. So kannte er den Iren gar nicht.
»Meine Großmutter war nicht halb so fürsorglich wie du«, erwiderte Juan feixend.
Ian hob die Schulter. »Meine war Weihnachten um diese Zeit bereits so zugedröhnt, dass sie nichts mehr auf die Reihe bekam.«
»Ein Grund mehr, Jugendlichen keinen Alkohol zu geben«, schnappte Erin, die zusammen mit Sam den Tisch deckte.
»Wie soll man diesen Sch … Mist denn sonst ertragen?«
»Man könnte versuchen die schlechten Erinnerungen an Weihnachten mit Guten zu ersetzen.«
»Wer sagt, dass ich schlechte Erinnerungen daran habe? Es gab Pizza und Whiskey, Onkel Eamon ist jedes Jahr betrunken die Treppe heruntergefallen, bevor wir ihm mit wasserfestem Stift das Gesicht angemalt haben. Die Weihnachtssänger haben wir mit Schneebällen vertrieben und mein Vater schlief regelmäßig vor der Bescherung ein, nachdem er das letzte Geld beim Pokern mit seinen Brüdern verloren hat. Gute alte Zeiten. Ach ja, meine Tante Eireann, was übrigens die irische Version von Erin ist, was wiederum auf den Landesnamens Eire basiert, prügelte sich jedes Jahr mit ihrem Mann. Haben Sie irische Vorfahren, Lady?« Interessiert betrachtete Ian Erin, die nur den Kopf schüttelte.
»Das klingt nicht sehr schön«, meldete Sam sich zu Wort.
»Es war nicht besser oder schlechter als anderswo.«
»Ich kenn es schlechter«, meinte Sam und zuckte mit den Schultern.
»Verdammt, Junge«, entfuhr es Ian.
»Was denn?«
»Nichts, schon gut.« Ian wandte sich ab und starrte in seinen Whiskeybecher.
»Dann werde ich wohl mal den Fisch auftragen«, durchbrach Blake das bedrückte Schweigen.
»Hoffentlich hat Sam sich nicht schon so mit dem Inhalt der Piñata vollgestopft, dass er nicht viel von dem Fisch isst«, antwortete Juan und scheuchte sie zum Tisch.
»Hab ich nicht«, versicherte Sam.
Tatsächlich aß er dann nicht mehr viel. Dafür plapperte er ununterbrochen. Selbst Ian verdrehte die Augen, doch zu Blakes Überraschung sagte er nichts weiter.
»Ist mit Ian alles okay«, fragte Blake Juan später am Abend, als er ihm dabei half, die Reste im Kühlschrank zu verstauen.
»Er hat nur ein paar Dinge, über die er nachdenken muss«, erwiderte der Mexikaner. »Aber du solltest jetzt vielleicht deinen Bruder ins Bett schaffen, bevor er mit seinem Gequassel noch Santas Rentiere verscheucht.«
Erin hatte scheinbar denselben Gedanken gehabt, denn sie wuschelte Sam liebevoll durchs Haar, was der vor lauter Gerede entweder nicht zu merken, oder ausnahmsweise zu tolerieren schien.
»Räum deinen Teller ab, Sam. Es wird Zeit fürs Bett.«
»So spät ist doch noch gar nicht!«
»Doch ist es.«
»Aber …« Nach einem langen Blick in Erins Gesicht seufzte er. »Na schön.«
»Bei mir hätte er wieder stundenlang debattiert«, murrte Blake, doch er grinste dabei.
»Weil du es ihm durchgehen lässt«, knurrte Ian aus seiner Ecke.
»Überlassen Sie die Erziehung des Jungen uns!«, gab Erin zurück. Dann schob sie Sam aus dem Wohnwagen.
Kaum waren sie draußen, warf der ihr einen besorgten Blick zu.
»Ist was passiert?«
»Nichts worüber du dir Gedanken machen musst. Dieser Ire ist lediglich ein sturer Esel.«
»Das sagst du aber zu mir und Blake auch immer«, wagte Sam einzuwerfen.
»Ihr seid jünger, da verwächst sich das noch. Mach dich bettfertig, Sam. Du weißt doch, Santa kommt nicht, solange du noch wach bist.« Sie zwinkerte ihm zu.
»Ich weiß, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, Erin«, maulte Sam, begab sich aber in ihrem heimischen Wohnwagen brav in das kleine Bad, um sich die Zähne zu putzen.
»Ich würde dir ja die Schlafkabine anbieten«, sagte Blake zu Erin. »Nur ist das Bett hier vorne etwas zu schmal für zwei Personen.« Er seufzte. »Kaum zu glauben, dass Sam und ich da mal zusammen raufgepasst haben.«
»Er wächst so schnell, hm?«
Blake nickte. »Manchmal weiß ich nicht, was ich mir mehr wünsche. Dass er länger ein Kind bleiben kann, oder dass er endlich erwachsen wird.« Kaum hatte er das gesagt, biss er sich auf die Lippen. »Das heißt nicht, dass er mir zu viel wird, oder so.«
»Das weiß ich doch. Du trägst eine Menge Verantwortung, Blake. Aber Juan hilft dir dabei, oder? Und auch dieser unsägliche Ire scheint sich daran zu beteiligen, wenn auch vielleicht nicht so, wie es wünschenswert ist.«
»Er sorgt dafür, dass Sam sich sicherer fühlt.«
»Das ist gut so, also hör auf, dir Sorgen zu machen. Du machst deine Sache ebenso gut. Und ich nehme die Couch. Das passt schon.«
»Bist du sicher? Du kannst auch zusammen mit Sam hinten schlafen.«
Erin schüttelte lächelnd den Kopf. »Wer soll denn dann Santa spielen?«
»Gutes Argument.« Dann stutzte Blake. »Hat Juan dich angestiftet, ihm zu helfen?«
»Nein. Mit seinem Arm kommt er nicht ins Kostüm.«
»Aber ich. Lass mich das machen, Erin. Du bist zu Besuch und sollst dich hier wohlfühlen.«
»Das tue ich doch!«
»Ist das der Grund, warum du und Ian heute kein Wort miteinander gewechselt habt?«
»Der Mann ist nun einmal gewöhnungsbedürftig!«
»Dennoch ist er ein guter Mann. Er hat uns eine Menge beigebracht, Erin. Das hätte er nicht tun müssen. Aber wenn du willst, halten wir uns die nächsten Tage von ihm fern. Ich möchte, dass Sam Weihnachten genießt und es nicht mit Menschen verbringt, die sich offensichtlich nicht ausstehen können. Er hat genug Zeit in einer angespannten Atmosphäre verbracht.« Er grinste schwach. »Das ist dann wohl das, was Ian als krampfhafte Konfliktvermeidung an Weihnachten bezeichnet.«
Selbst Erin lachte. »Vermutlich. Und selbstverständlich halten wir uns nicht von ihm fern. Ich bemesse einen Menschen nach seinen Taten. Bei dem, was er für euch getan hat, kann er kein schlechter Mensch sein.«
»Ich wusste es. Du magst ihn also doch.«
»Vielleicht. Aber verrate ihm das nicht. Mir scheint, er hat genug Leute um sich, die ihm alles durchgehen lassen. Jetzt geh schlafen, du siehst müde aus.«
Blake nickte und streckte sich. »Das bin ich auch. Die letzten Tage stecken mir ein wenig in den Knochen, so schön sie auch waren.«
Auch Sam schien reichlich erledigt zu sein, denn er wachte nicht auf, als Blake sich neben ihn legte. Ein gutes Zeichen. Nur wer sich sicher fühlte, war imstande derart tief zu schlafen, wie Blake aus Erfahrung wusste. Er selbst hingegen wachte mitten in der Nacht auf, weil er Stimmen hörte.
»Erin?«
»Alles in Ordnung. Schlaf weiter«, antwortet sie.
Dann hörte er sie kichern.
Erin? Kichern?
Beinahe wäre Bake nun doch aufgestanden, ließ es aber dann bleiben. Vermutlich war sie von ihrer Weihnachtstour mit Juan zurück. Wer war er, dass er die beiden stören würde?

Am nächsten Morgen wurde Blake von Sam geweckt, der an seiner Schulter rüttelte.
»Blake, komm schon.! Es ist Weihnachten. Lass uns die Geschenke auspacken!«
Blind tastete Blake nach seinem Handy, öffnete ein Auge und warf einen Blick darauf.
»Es ist sechs Uhr am Morgen«, stöhnte er.
»Na und? Geschenke!«
Widerwillig ließ Blake sich von ihm aus den Federn ziehen. Wie sein kleiner Bruder schon wieder so wach sein konnte, war ihm ein Rätsel.
»Versuch Erin nicht aufzuwecken«, mahnte er.
Augenblicklich wurde Sam mucksmäuschenstill und tapste nur auf Zehenspitzen zu ihrem Schrank, wo sie die Socken aufgehängt hatten. Zu seiner Enttäuschung war seiner leer. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte er die Schachtel darunter.
Eilig ging er in die Hocke und öffnete umsichtig das Papier. Als er den Deckel hob, bekam er große Augen. Fassungslos zog er einen der Laufschuhe aus dem Karton. »Aber das ist …«
Blake lächelte. »Das Nachfolgemodell genau der Laufschuhe, mit denen Maurice Greene damals seinen Rekord aufgestellt hat! Erin hat sie besorgt.«
Er machte eine Handbewegung in Richtung des Bettes, wandte sich um und … erstarrte.
»Sam« flüsterte er, während er auf das Bett starrte, indem Erin schlief. »Sag mir, dass du nicht dasselbe siehst.«
Es konnte nicht wirklich Ian sein, der in einem Santa Kostüm neben … Neben? Beinahe unter Erin lag, den Arm um ihre Taille geschlungen, während sie ein Bein das in grün-weiß geringelten Strumpfhosen steckten, über ihn gelegt hatte. Und war das wirklich eine Flasche Tequila neben Ians Kopf?
Sam hob neugierig den Blick. »Was ist denn?«
Im letzten Moment riss Blake den Vorhang zwischen der zur Schlafkoje umfunktionierten Couch und Sam zu.
»Nichts. Frohe Weihnachten, Sam!«
»Schenkt mir dann wer eine Kopfschmerztablette?«, ertönte Ians Stimme hinter dem Vorhang und Sam riss die Augen auf.
Mit seiner Beherrschung war es vorbei, als Erin sagte: »Wer trinken kann, kann an Weihnachten auch ohne Tabletten aushalten.«
Er stürmte vor und zog den Vorhang zurück.
»Du hast es doch getan?«, fragte er Ian. »Du hast Juan geholfen, die Geschenke zu verteilen?«
»Es blieb mir ja nichts anderes übrig«, grummelte der Ire. »Die Lady hier kann verdammt hartnäckig sein. Allein ihre Bemerkung darüber schlechte Erinnerungen mit Guten zu überdecken. Außerdem wollte ich dir eine Freude machen. «
»Und?«, warf Erin ein. »Du fühlst dich doch nun besser, oder?«
»Nein, ich hab einen Kater von diesem Zeug, das Juan mir unterwegs eingeflößt hat, weil der Whiskey alle war. Und mir tut der Rücken weh.«
»Davon habe ich aber nicht viel bemerkt, als wir am Morgen zurückgekommen sind«, antwortete Erin schmunzelnd.
»Erin!«, entfuhr es Blake.
»Was denn? Hör auf zu starren, dann können wir alle unsere Geschenke auspacken.«
»Mir scheint, du hast deins heute früh schon ausgepackt«, meldete sich Ian süffisant grinsend zu Wort.
Sie wurde ein wenig rot und schlug ihm gegen die Schulter. »Du hast dich jedenfalls nicht gewehrt.«
Ian verschränkte seinen Arm hinter dem Kopf.
»Ich gebe zu, das war das beste Weihnachtsfest seit Langem. Ich denke, ich fange an, den ganzen Kram zu mögen.«
»Ich sehe Licht, also seit ihr wach«, ertönte Juans Stimme von draußen. Einen Moment später steckte er den Kopf in den Caravan. »Los kommt, lasst uns rüber gehen und die Geschenke auspacken«, rief er.
»Und dann erzählt ihr mir alle von eurem schönsten Weihnachtsfest.«, fügte Ian hinzu. »Frohe Weihnachten allen.«

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S.N. Stone

S.N. Stone wurde 1977 geboren und lebt mit ihrem Mann, den beiden Töchtern und einem Kater in ihrer Geburtsstadt Berlin, was auch der Grund ist, weshalb ihre Geschichten größtenteils dort spielen. Die Orte der Handlungen sind ihr bekannt, auch wenn sie sie ab und zu ein wenig umbauen muss, damit sie den Ansprüchen der Geschichte entsprechen.
Der Name ist natürlich ein Pseudonym, dass sie ursprünglich aus beruflichen Gründen und um das Schreiben von meinem Privatleben zu trennen, gewählt hat. Dabei handelt es sich um die Zusammensetzung der Anfangsbuchstaben ihres Vor- und Nachnamens, sowie ihrem Mädchennamen.
Sie ist nicht nur ein großer MARVEL-Fan, sondern liest auch gerne Horrorgeschichten, Mystery, Urban-Fantasy, Fantasy und Psycho-Thriller.
Sie liebt das Dunkle und Geheimnisvolle. Andeutungen, Geheimnisse, das Unvorhersehbare, wenn etwas nicht so ist, wie es scheint. Was wäre da besser, als selbst Urban-Fantasy und Mystery – Thriller zu schreiben?
So begann sie 2006 intensiv mit dem Schreiben, dass für sie wie das Abtauchen in eine andere Welt ist. Da sie sich zudem sehr für Geschichte interessiert, verbindet sie auch in ihren Büchern gern geschichtliche Ereignisse mit der Gegenwart. Dazu gehört für sie eine gründliche Recherchiere, aber auch persönlich die Handlungsorte zu besuchen, um sich die Gegebenheiten anzuschauen.
Dabei war allerdings nicht geplant, dass es von der ersten Idee, bis zur Veröffentlichung der Urban Fantasy-Trilogie „Die Grauen Krieger“ sieben Jahre dauern sollte. Dann aber ging es Schlag auf Schlag.
Am 7. August 2014 veröffentlichte sie ›Suche‹, den ersten Teil von ›Die Grauen Krieger‹ eine Mischung aus Horror und Thriller.
Band II ›Die Grauen Krieger: Jagd‹ folgte bereits am 10. Juli 2014,
Band III ›Die Grauen Krieger: Offenbarungen‹ am 23. September 2014.

Bereits vier Tage später, am 27. September 2014 wurde bereits der erste Band der Reihe ›Menschenseelen‹, ebenfalls im Genre Urban Fantasy veröffentlicht.
Inhalt:
Es ist die bekannte Geschichte von Gut und Böse, was aber, wenn du feststellen musst, dass das Böse seine Reize hat und vielleicht nicht einfach nur böse ist? Und was ist, wenn du feststellen musst, dass das vermeintlich Gute ebenso seine dunklen Seiten hat? Jenna, die Hauptprotagonistin, sitzt plötzlich zwischen den Stühlen, denn auch ihr wurden Menschen genommen, die sie geliebt hat. Sie weiß, dass sie sich ihrer Bestimmung stellen muss, und damit dem Bösen einen tiefen Schlag versetzen kann, aber will sie das überhaupt?

Aber sie wollte auch einmal etwas ohne Mystery versuchen und veröffentlichte nur wenige Tage später, am 29. September 2014 den Triller ›Hinter der Lüge‹.

Weiter ging es mit:
Menschenseelen Teil 2 – Lilith -: Lilith24. Mai 2015
Menschenseelen Teil 3 – Afarit -18. Februar 2016
Menschenseelen Teil 4 – Ker -8. Februar 2017
Menschenseelen Teil 5 – Adam -18. Oktober 2017

Zurzeit schreibt S.N. Stone an einem Roman, der sanftere Töne anschlagen wird. Titel und Cover des Romans stehen bereits fest, der Veröffentlichungstermin noch nicht. Es ist die Geschichte von Christine, die ganz klischeehaft, nach mehr als 25 Jahren Ehe, von ihrem Mann, gegen seine überaus junge und äußerst attraktive Sekretärin “ausgetauscht” wird. Ihre beiden Kinder führen ihre eigenen Leben und so verlässt Christine Berlin und zieht für ein Weile in das Gästehäuschen einer alten Freundin, in einen dänischen Fischerort.
Dort erfüllt sich Christine Protagonistin einen lang gehegten Traum und schreibt einen Mystery-Thriller, der dann auch im Buch selbst zu lesen sein wird.

Evita Sommer

Evita wurde 1965 geboren und wuchs an der Mittelmosel auf. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann, den zwei erwachsenen Kindern, sowie einigen Pferden, Hunden und Katzen in Rheinland-Pfalz.
Schon als Kind entdeckte sie die Freude am Schreiben und ließ ihrer Fantasie gerne freien Lauf. Als Jugendliche schrieb sie Gedichte und Kurzgeschichten, vor allem für sich selbst. Meistens feilt sie ihre Geschichten beim Schwimmen zurecht, da sie dabei am besten denken kann. Doch erst in den digitalen Zeiten von Computer & Co und den sich damit ergebenden Möglichkeiten der modernen Textverarbeitung, startete sie ihr erstes großes Projekt und begann 2009 mit Band 1 der Zeitenwende-Saga ›Der Kristall von Vaduhn‹, den sie 2015 veröffentlichte.

Klappentext Band 1:
Du glaubst, es gibt nur eine Wirklichkeit? Das dachte ich auch, bis meine beiden besten Freunde in eine fremde Welt entführt wurden.
Eigentlich hätte ich es wissen können, denn in unbeschwerten Kindertagen lehrte mein Großvater mich bereits die fremde Sprache sowie Lebens- und Kampfkultur der Welt von Vaduhn. Doch sein Tod nahm mir seine Geschichten; und als Erwachsene blickte ich auf seine Lehren zurück wie auf ein unterhaltsames Spiel aus einem bezaubernden, wilden Märchenland.
Nun stand ich da, in Vaduhn, auf mich gestellt in einem Land wie aus dem finsteren Mittelalter, die Freunde befreit, doch der Rückweg versperrt, musste ich mich den gefürchteten Mentalkriegern stellen, die jedes Geheimnis aus dir hervorziehen können. Auch ich hatte ein Geheimnis, das es zu hüten galt …
Und ihr dunkler Anführer richtete den Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen auf mich und meine Seele ward versengt …

Im August 2016, folgte Band 2 ›Das Tor des Vergessens‹, im Juli 2017 Band 3 ›Blutstein und Schwarzkristall‹ und im Mai 2018 Band 4: ›Der Dämon von Neword‹

Dass es in den Büchern um #Zeitreisen geht (ein Thema, von dem Evita schon immer fasziniert war) wird es zunächst nicht thematisiert. Die Protagonistin könnte auch in eine andere Zeit katapultiert worden sein. wird. Diese Zusammenhänge nehmen erst mit Band 2 langsam Gestalt an und werden in den Folgebänden immer deutlicher.
Nur wollte Evita etwas Neues schreiben und nicht Althergebrachtes nochmal aufbrühen. Daher reisen ihre Figuren durch unterschiedlich angelegte Zeitportale, die sie sehr weit in unserer Zukunft führen. Inspiriert durch den Gedanken, wie man sich wohl in einer mittelalterlichen Welt zurechtfinden würde, erschuf sie eine Fantasywelt, in der auch der eine oder andere Luxus der Erde zu finden ist.

Hilde Willes

Hilde schreibt über das Leben, die Liebe, Lust und Leidenschaft und über menschliche Schicksale. Manchmal auch über Dinge, an denen man zerbrechen könnte. Trotzdem versucht sie Wege zu finden, wie ihre Protagonisten aus solchen Situationen wieder herausfinden können.
Ihr Name ist ein Pseudonym, dass zufällig entstand als Hilde mit Freunden darüber rätselte, wie sie sich nennen könnte. Dabei stand sie irgendwann auf und sagte: „Ich werde mich Hilde Willes nennen, weil … Hilde … will … es!“
Schreiben war schon von klein auf ihre Leidenschaft, doch ihren ersten Roman ›Wenn Mauern fallen‹, veröffentlichte sie erst im Oktober 2015 im Telegonos Verlag
Er handelt von einer Frau, die sich nach einem Schicksalsschlag alleinerziehend durch die Gegend hangeln muss, hat einen deutschgeschichtlichen Hintergrund und spielt teilweise im Heute und in der Vergangenheit um 1989.
Im Mai 2016 folgte ›Irgendwo im Nirgendwo‹ in dem Hilde heiter und ironisch über Kindheitserinnerungen schreibt.
Ihr drittes Buch ›Let’s talk about 6‹ wurde 2017 veröffentlicht. Mit Witz und Charme setzt sie sich dabei mit den Vor- und Nachteilen von Single-Portalen im Internet auseinander.
Hildes Bekanntheit wuchs und die Nachfrage, ob sie nicht aus ihren Büchern lesen könne, häufte sich. Lesungen in Schulen, Seniorenheimen und bei Vereinsveranstaltungen standen fortan in ihrem Terminkalender. Sogar bis nach Hamburg, wo sie zu einer Lesung geladen wurde, reiste sie oder zu Autorentreffen in Hannover, wo ich sie kennen lernen durfte.
Solltet ihr je die Gelegenheit bekommen Hilde Live zu sehen, lasst euch das nicht entgehen. Sie ist nicht nur überaus sympathisch, auch ihre Art zu erzählen ist derart humorvoll und lebendig, dass sie unvergesslich bleibt 😊

Tina Filsak

Eine Autorin, die für mich nicht nur für großartige Bücher und gute Unterhaltung steht, sondern auch für Toleranz. Ich mag Tinas Offenheit sehr, ebenso, dass sie klar sagt, was sie denkt.

Geboren wurde sie 1966 in Wien und war von klein an selten ohne ein Buch in der Hand anzutreffen. Die ersten 10 Jahre ihres Erwachsenenlebens hat sie in einer rein lesbischen Beziehung gelebt und beinahe ausschließlich schwul/lesbische Freunde. Mit ca. 30 Jahren entdeckte sie dann auch die Männer und so manch anderes über sich selbst und ihre Bedürfnisse. Unter anderen fand sie ihren Weg in die BDSM Community. Daher ist BDMS auch in fast allen ihrer Geschichten ein Thema.
Inzwischen ist sie seit fast zwanzig Jahren glücklich verheiratet und wohnt mitten in den Bergen, wo ihre zahlreichen Tiere ausreichend Platz haben und sie zwischen dem Schreiben die Seele baumeln lassen kann.
Ihre Familie und ihre Tiere sind ihr das Wichtigste auf der Welt, sie mag gute, fantasievolle Geschichten und auch Ehrlichkeit ist ihr in allen Belangen sehr wichtig.
Zu ihren literarischen Vorbildern gehören J.R.R. Tolkien, Marion Zimmer Bradley, Anne Rice, Laurell K. Hamilton, (habe ich je erwähnt, dass ich ebenfalls ein großer Fan der Anita Blake-Reihe dieser Autorin bin?) und Donatien Alphonse Francois de Sade.
Nie hätte sie erwartet, einmal ein Buch zu veröffentlichen, denn als Kind hat sie es gehasst, Aufsätze zu schreiben. Zudem ist sie Legasthenikerin und hat deshalb lieber gelesen als geschrieben. Doch mit Übung, Fleiß und der Hilfe von Freunden und einem guten Lektorat / Korrektorat hat Tina auch diese Hürde gemeistert. 2013 begann Tina dann doch, auf Ermutigung einer Freundin hin, den Anfang einer Geschichte zu schreiben, die ihr knapp 20 Jahren im Kopf herumging. So entstand der ersten Band der Micah-Reihe, den sie im Mai 2014 im Selfpublishing veröffentlichte. 2015 folgte der Vertrag mit dem Weibsbilder-Verlag über den die Micah-Reihe und andere Bücher von Tina bis heute erscheinen.

Klappentext Micah Band 1 – Gefährten Bande :
Micah ist ein Kämpfer. Der musste er werden, um seine gewalttätige und ihn missbrauchende Familie zu überleben. Und um seiner Gabe standzuhalten …
Er ist ein Empath und empfängt die Gefühle und Gedanken der Menschen um sich. Kann ihnen ebenso wenig entkommen wie dem Krebs, der in seinem Körper wächst. Micah weiß, er hat den Kampf eigentlich längst verloren. Trotzdem versucht er durchzuhalten so lange es nur geht, den Tod immer vor Augen.
Darius ist Vampirkrieger. Seine Gilde sorgt dafür, dass die Existenz der Supras – Wesen wie Vampire, Wandler, Dämonen – geheim bleibt. Als er eines Nachts auf den todkranken Micah stößt, zieht der ihn auf seltsame Weise an. Der Junge braucht ganz offensichtlich seine Hilfe und seinen Schutz. Wider besseres Wissen hofft Darius, Micah vielleicht retten zu können … Denn er spürt, dass da etwas Uraltes erwacht ist, das mit jedem Tag stärker wird. Womit Darius allerdings nicht rechnet, ist, dass Micah nicht der dankbare, fügsame Gefährte ist, den er gern hätte, oder dass sein Kampfpartner Dio auch plötzlich Anzeichen einer Prägung zeigt. Und das bleibt nicht die einzige Überraschung …

Die Bücher rund um Micah sind aber nicht die einzigen, die Tina geschrieben hat.
Seit 2014 kann sie auf eine beeindruckende Zahl an Veröffentlichungen zurückblicken und das mit einem Tempo, vor dem ich nur den Hut ziehen kann.
Bis heute entstanden 15 Bände der MICAH-Reihe (inklusive Sidestorys), dazu
3 Bände der MYSTIK-Reihe, die im Micah-Universum spielt.
Die zweibändige Fantasy-Reihe Sha & Lorvaa, die voller magischer Gestalten, Orks, Wandler, Hexen, Dämonen, Elfen und Drachen steckt und bei der es um die Liebe zwischen einem Söldner und einem Wandler geht.
Über verwundete Herzen geht es in Noah – Rückkehr aus der Hölle und Red – Vom Wolf und anderen Unannehmlichkeiten
Einige Kurzgeschichten hat sie ebenfalls veröffentlicht, sowie die Einzelbände
›Izzy – Strafe muss sein‹ und ›FREAKSHOW‹
Letzteres Buch möchte ich besonders erwähnen, denn dort zeigt Tina einfühlsam, mit welchen Vorurteile Menschen zu kämpfen haben, nur weil sie anders sind. Sei es im Denken, in ihrer Lebensart oder im Aussehen.

Krimi & Thriller-Lesung in Peine

Thriller mit Tiefgang trifft auf Landkrimi mit „Miss Marple“ Flair

Wann? Am 07.12.2018 in der Zeit von 18.30. – 21.00 Uhr

Wo? Im 5 Stars, Am Markt 20, 31224 Peine

Jaden Quinn liest aus ihrem Thriller ›Flucht – Mclain-Reihe Band 1‹, Silvia Nagels aus ihrem Krimi ›Käthe Ermittelt‹

Flucht (McLain-Reihe 1)
Owen Martin ist einer der erfolgreichsten Pharmaziehersteller der USA. Dass sein Erfolg auf illegalen Versuchen an Minderjährigen beruht, wissen nur wenige. Blake McLain jedoch kennt jedes Geheimnis des skrupellosen Geschäftsmannes, denn er und sein kleiner Bruder waren sieben Jahre lang in einem seiner Labore gefangen.
Als es Blake durch einen glücklichen Zufall gelingt, sich und Sam zu befreien, beginnt eine unerbittliche Verfolgungsjagd quer durch die Staaten. Kein Platz bietet Zuflucht, keine Telefonverbindung ist geschützt und kein Mensch ist in ihrer Nähe sicher.
Was als Hoffnungsschimmer auf ein sorgenfreies Leben begann, wird bald zu einer Gefahr für das einzige, worauf Blake und Sam sich immer verlassen konnten. Ihre bedingungslose Loyalität zueinander.

Käthe ermittelt: Ein Krimi vom Land
Käthe Hansen führt ein beschauliches Rentnerleben in einem Dörfchen nahe Oldenburg. Ihr Alltag wird durcheinandergewirbelt, als der Landstreicher »Strothmann« verletzt in den Dorfkrug taumelt und berichtet, Zeuge eines Mordes geworden zu sein – ein Mitarbeiter einer Oldenburger Düngemittelfirma ist tot. Dummerweise hält die Polizei Strothmann für den Täter. Um ihn von diesem Verdacht reinzuwaschen, ermitteln Käthe und ihr Nachbar Knut Sörensen auf eigene Faust. Bald brauchen die beiden die Unterstützung des ganzen Dorfes …

Le Alex Sax

Ich schätze Alex sehr, denn ihr Humor ist ebenso erfrischend wie tiefschwarz. Dazu ist sie bekennender Koffeinjunkie. Kein Wunder also, dass ich auf sie und ihre Bücher aufmerksam wurde.
Geboren in Engelberg, aufgewachsen im Kanton Luzern, schreibt sie bereits seit der Grundschule. Ihre Geschichten waren schon immer ein wenig anders.
Einer ihrer Aufsätze ging um das alte Ägypten, was ihr eine Menge Stoff bot. Gerade das Thema Mumifizierung faszinierte sie. Dass sie sich dabei vorstellte, wie sie ihre ungeliebten Mitschüler in Tücher wickelt, um sie in der Pyramide einzumauern, beflügelte ihre Inspiration.
Aufsätze dieser Art veränderten ihr Leben, denn sie lernte, dass Buchstaben eine Bedeutung bekommen, je nachdem, wie ich sie sie zusammensetzte. Dieser Faszination ist sie bis heute erlegen, wobei sie ihrer morbiden Ader treu blieb. Zunächst jedoch verbruchte sie nach dem Ende ihrer Schulzeit vorbei ein Jahr in der welschen Schweiz, um Französisch zu lernen. Eine kaufmännische Ausbildung folgte, bis ihr klar wurde, dass das Angestellten-Dasein ein Ende nehmen musste.
Heute bloggt sie und ist als Autorin tätig.
2017 hat sie ihr erstes Buch ›Lorai – Hurra, endlich tot!‹ veröffentlicht.

Klappentext

Lorai erlebte in ihrem Leben so ziemlich alle Peinlichkeiten, die man sich vorstellen kann. Am Ende ihres Daseins fällt sie sterbend von der Kloschüssel und stellt entsetzt fest, dass sich der Tod genüsslich für ihre Entgleisungen interessiert. Frech stellt sie sich dem neugierigen Sensenmann und legt sich wenig zimperlich mit ihm an.

Mit einer erfrischenden und sehr humorvollen Sprache erzählt das Buch von Lorais ungewöhnlichem Leben. Es ist eine Geschichte des heimlichen Wahnsinns, versteckt in Lebensepisoden, die für gewöhnlich im Dunkeln bleiben.

Ihr zweites Buch ›Lorais: blutiges Auge‹ folgte im Juli 2018

Permanent fallen ihr neue Storys in den Schoss, wobei sie sich keinem Genre unterwerfen mag. Aber das mit einem herrlich sarkastischen Humor, den ich sehr liebe 🙂

Autorenstaffel – Kannst du vom Schreiben leben?

Silvia Nagels hat mir im Rahmen ihrer Autorenstaffel die Frage gestellt, ob ich vom Schreiben leben kann. Die Antwort will ich mein Protagonist wissen ^^

Ungeduldig öffne ich das langersehnte Paket und hebe behutsam die Supernatural -Christbaumkugeln heraus. Wunderschön sind sie. Mattschwarz mit silbernen Zeichen. Da geht selbst einem Grinch wie mir das Herz auf. Die werden sich prima neben den Star Wars Kugeln machen. Ich kann den Weihnachtsbaum schon fast vor mir sehen. Ganz in Schwarz und …
„Was sind das für Dinger?“
Ich kreische und lasse fast die Packung mit den Kugeln fallen.
„Chris, verdammt. Könntest du dir vielleicht abgewöhnen, ständig aus dem Nichts hinter mir zu erscheinen?“, maule ich meinen Protagonisten an.
Der grinst breit. „Warum? Macht doch Spaß.“
Ich verdrehe die Augen. Seitdem ich ihn in den vorläufigen Ruhestand geschickt habe ist er offensichtlich nicht ausgelastet.
Interessiert kommt er näher und betrachtet die Kugeln. „Nun sag schon, wofür benutzt ihr diese Dinger? Sie sehen ein wenig aus wie Thermaldetonatoren.“ Chris legt den Kopf schräg. „Willst du wen in die Luft sprengen? Oder etwas?“
„Himmel nein! Ich hab nur meinen monatlichen Verdienst aus den Buchverkäufen bekommen und mir von einem Teil davon diese Christbaumkugeln gegönnt.“
„Christbaumkugeln?“
Verflixt, vielleicht hätte ich ihm doch von Weihnachten erzählen sollen, anstatt dieses Fest aus seiner Welt zu streichen. Bevor ich das wirklich bedauern kann, bemerke ich, wie sich etwas in seinem Blick ändert.
„Dann sind diese Dinger also wertvoll?“
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Na du sagtest doch, du hast sie von dem … Wie nennt ihr das noch? Geld …?“
Ich nicke und er fährt fort: „…geleistet, dass du mit dem Verkauf unserer Bücher bekommen hast.“
Ach, plötzlich sind es unsere Bücher. Ich würde mich darüber ärgern, hätte er nicht so stolz geklungen.
„Genau genommen hätte ich mir mehrere Pakete dieser Kugeln davon leisten können“, setze ich also noch einen obendrauf.
Nun ist es wirklich so etwas wie Bewunderung, die in seinen Augen aufblitzt.
„Dann habe ich dir also geholfen, dir deinen Traum zu erfüllen? Du wolltest doch immer vom Schreiben leben können. Silvia Nagels hat dir doch diese Frage auch gestellt. Ist das hier deine Antwort an sie?“
Oh man, wie komme ich da nun nur wieder raus, ohne ihn zu enttäuschen?
„Ähm ja“, stimme ich ihm zu. „Genaugenommen kostet eine dieser Kugeln ebenso viel wie ein Döner.“
Damit habe ich seine volle Aufmerksamkeit. Er liebt Döner, seitdem ich ihn einmal davon hatte probieren lassen.
„Sagtest du nicht, diese gefüllten Brotstücke wären nicht allzu kostspielig?“
Verdammt, verdammt, verdammt, warum muss er mir immer so aufmerksam zuhören? Schnell machte ich eine abwertende Handbewegung.
„Ich würde ja auch nicht einen ganzen Monat von nur einem Döner leben können.“
„Wer will denn auch einen ganzen Monat lang nur mit Fleisch gefülltes Brot essen?“
„Vergiss den Salat nicht. Und Soße ist auch noch drauf.“
Nun lag eindeutig Misstrauen in seinem Blick. „Was versuchst du mir auf deine merkwürdig verdrehte Art mitzuteilen?“
„Dass ich sogar monatelang vom Erlös meiner … unserer Bücher leben könnte, wenn ich die Ernährung auf ein Pfund Nudeln und eine Flasche Ketchup wöchentlich umstelle.“
„Autorin!“ Ups, wenn er mir so kommt, ist es ernst. „Hör auf um den heißen Brei herumzureden und beantworte die Frage! Kannst du vom Schreiben leben?“
„Das kann ich so nicht beantworten“, antworte ich, wobei ich ihm nicht in die Augen sehen kann. „In meiner Welt gehört es sich nicht, über Geld zu sprechen.“
„Also nicht!“, schlussfolgerte er, während ich beschließe, den nächsten Protagonisten weniger klug zu machen.
„Wenn ich keine Miete zahlen müsste, keine Nebenkosten und auch sonst nichts, außer dem Essen …“
„Dönertaschen und Nudeln mit Ketchup würden wir nicht einmal auf Terra 2 als ausgewogene Ernährung bezeichnen!“
Stimmt! Da ernährt sich die Unterschicht auch mal von gebratenen Ratten. Aber ich bin klug genug, das nicht laut zu sagen.
Dennoch verengt er die Augen. „Was hast du da eben gedacht?“
Verflixt, wie konnte ich vergessen, dass er auch in meinem Kopf ist und demzufolge meine Gedanken kennt?
Bevor ich dazu komme zu antworten, lässt er sich auf einen der Sessel fallen. „Warum schreibst du überhaupt, wenn es dir so wenig einbringt?“, bohrt er weiter.
„Ich wollte nie damit reich werden.“
Das ›Lügnerin‹ ist ihm so deutlich anzusehen, als hätte er es laut gesagt.
„Na gut“, schwäche ich meine Aussage ab, „ich hätte auch nichts dagegen, wenn ich mit dem Schreiben genug verdienen würde, um wirklich davon zu Leben. Aber eigentlich schreibe ich, weil mir das ein Grundbedürfnis ist.“ Unwillkürlich schüttle ich den Kopf. „Ich wüsste nicht, was ich tun würde, könnte ich nicht mehr schreiben.“
„Ist dieses überdramatisieren auf das Aneinanderreihen von Buchstaben bezogen, eigentlich so ein allgemeines Autorending?“
„Überdramatisieren?“ Empört schnappe ich nach Luft. Da ich meine Leser nicht mit dem schockieren möchte, was mir gerade durch den Kopf geht, denke ich es nur. Daran, wie Chris die Augen aufreißt sehe ich, dass er es auch so verstanden hat.
„Weißt du was?“, sage ich im besten ›Ich bin nicht zickig‹ Tonfall. „Fragen wir doch meine Autorenkollegen, wie sie das sehen. Hilde Kölbl, wenn du nicht schreiben könntest, was würdest du als Ersatz tun?“

 

 

 

 

 

Marion Krafzik

Geboren 1959 und aufgewachsen in der Lüneburger Heide kann Marion auf einen beeindruckenden Lebenslauf zurückblicken.
Eigentlich wollte sie Tierpflegerin werden, wählte aber – nicht zuletzt auf Drängen ihres Vaters – den Beruf der Fotografin. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, denn sie entdeckte dadurch ihre kreative Seite. Sie zog nach Hamburg, wo sie bei großen Fotografen als Assistentin und Studio Managerin arbeitete.
Nach einigen Jahre reichte ihr das nicht mehr, sie wechselte die Sparte und fing in einer Werbefilm Produktion an wo sie sich bis zur Regisseurin hocharbeitete.
Dazu gehörte auch das Schreiben der Skripts. Dabei merkte sie, dass es Spaß macht sich Geschichten auszudenken. Szenen zu schreiben, Protagonisten erfinden und ihnen Leben einzuhauchen und lernte sehr viel über Dramaturgie, Plotten und Szenen Inszenierung.
Doch bevor sie ihr erstes Buch schrieb, erfüllte sie sich einen Kindheitstraum und ging nach Südafrika. Genauer gesagt ins Natal (Zululand) in ein Dorf namens Hluhluwe, (Schluschluwe Deutsche Aussprache) mitten im Afrikanischen Busch.
Fünf Jahre blieb sie dort, gründete eine Safari Firma, lernte viel über Land, Leute und Tierwelt und gab ihr Wissen an Touristen weiter.
Heute lebt sie ich wieder in der Lüneburger Heide auf einer Fischfarm, wo ihr Lebensgefährte mit seinen Mitarbeitern erstklassigen Räucherfisch produziert, der Deutschlandweit verkauft wird. Marion kümmert sich derweil um das Marketing, Kundenbetreuung und um die Hunde, den Kater, die Moorschnucken und Highlandrinder.
Zusätzlich schreibt sie ihre Bücher, in denen es um Menschen und ihre Abgründe geht. Auch Verstrickungen und um die Ecke denken kommen dabei nicht zu kurz.
Daraus entstehen wahnsinnig spannende Thriller, die ich immer wieder gerne lese.

Veröffentlichungen:
Dezember 2014: Gefangen in einem Schwur
Dezember 2015: Gesichter des Verrats
März 2017: Das Kreischen der Möwen
Januar 2018: Ohne jeden Skrupel

Die Dunkelheit deiner Seele

Fröstelnd zog er den Mantel enger um sich. Seit einer Woche trug er bereits die Kälte in sich und egal was er tat, ihm wurde nicht warm. Wie auch, wo er doch wusste, dass der Körper seines Geliebten von kühler Erde umschlossen wurde?
Seine Knie knackten, als er sich in die Hocke sinken ließ und eine einzelne weiße Rose auf die unscheinbare Grabplatte legte. Weiß und rein, wie die Seele des Verstorbenen.
Seine Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. Seele … Er hatte nie an diesen Mist geglaubt. Nun hoffte er, es gäbe wirklich so etwas wie ein Weiterleben nach dem Tod. Oder wenigstens einen Ort, an dem es möglich war, ein paar letzte Worte mit geliebten Menschen zu wechseln, die einem viel zu früh entrissen wurden.
Gäbe es nur die geringste Chance darauf, er hätte sich die Magnum an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Aber das wäre feige gewesen und bei allem, was er in seinem Leben bereits falsch gemacht hatte, Feigheit zu zeigen gehörte nicht dazu.
Mit dem Finger strich er leicht über die Inschrift der Grabplatte. Seine Kehle wurde eng, als er nichts weiter spürte als den harten Granit.
Was hast du denn geglaubt?, tadelte er sich. Die Wärme seiner Haut spüren zu können?
Das leise Lachen, das durch seinen Geist wehte, war nicht das seine. Er schloss die Augen, lauschte, wollte es festhalten, wusste er doch, dass er es niemals wieder hören würde. Ebenso wenig wie er je wieder in diese sanften braunen Augen sehen würde, nie wieder den Geschmack der Lippen kosten durfte, die sich ihm willig öffneten. Niemals wieder die absolute Sicherheit empfinden, nicht allein zu sein.
Auf alles hätte er verzichtet, würde irgendeine Macht seinen Geliebten zurückholen.
Gott, dachte er, komm und hol ihn mir zurück. Ganz gleich was ich dafür tun muss. Nimm mich, nimm mein Leben, aber hol ihn zurück! Nur Schweigen antwortete ihm. Eine Stille, die wie ein tonnenschweres Gewicht auf ihm lastete und ihn niederdrückte. »Gott! Hol ihn zurück!«
Er bemerkte erst, dass er geschrien hatte, als seine Kehle brannte. Aber was machte das schon? Sein ganzer Körper schmerzte, sein Geist, sein gesamtes Sein. Sein Blick fiel auf seine Hände. Müde registrierte er, dass er seine Finger in den Boden gegraben hatte. Fast, als wolle sein Unterbewusstsein ihn zwingen, sich zu dem Körper durchzuwühlen, der nur wenige Meter unter ihm ruhte.
Beinahe erschrocken wich er zurück. Durch die abrupte Bewegung landete er auf seinen Hintern, hatte aber nicht die Kraft sich aufzurichten. Wozu auch? Wozu weitermachen? Weiter kämpfen?
Tränen brannten in seinen Augen, doch er ließ sie nicht über den Rand treten. Früher, in einem lang vergessen geglaubten Leben, war ihm eingebläut worden, zu weinen wäre ein Zeichen von Schwäche. Auch wenn er sich schwächer fühlte als je zuvor, brachte er es nicht über sich, seine Trauer offen zu zeigen.
Sein Geliebter hatte ihm beigebracht, Gefühle zuzulassen. Dass sie weder eine Schwäche, noch eine Schande waren. Hätte er es doch niemals gestattet. Dann würde ihm der Schmerz jetzt nicht den Verstand rauben.
Aber dann wüsstest du jetzt auch nicht, wie sich Liebe anfühlt. Du hättest nie Freude verspürt, so groß, als wolle sie dir ein Loch in die Brust brennen, weil sie dich mit Wärme erfüllte.
Das wäre es, was sein Geliebter gesagt hätte. Er konnte die Worte beinahe hören.
Langsam legte er den Kopf schräg. Sprich mit mir, flehte er. Selbst wenn ich dich nur in meinem Kopf hören kann und nie wieder ein anderes Geräusch zu mir durchdringt. Bitte, rede mit mir.
Doch es blieb still. Dafür meinte er, ein bedauerndes Kopfschütteln zu sehen, wann immer er die Augen schloss.
Ja, dachte er und blieb mit geschlossenen Augen sitzen. Sieh! Höre!
Dazu musste er nichts weiter tun, als hier zu sitzen und zu warten. Ganz leise und regungslos. Es war ihm gleich, wie lange es dauern würde, solange er nur einen winzigen Hauch wahrnehmen konnte, der ihm die Anwesenheit des Mannes vorgaukelte, der ihm so viel bedeutet hatte.
Erneut zog er den Mantel enger um sich, krümmte sich zusammen, verharrte dann. Er würde geduldig auf seinen Einritt in die Ewigkeit warten. Aber davor gab es noch eine Sache, die er erledigen musste.
Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer, die ihm gegeben worden war. Es meldete sich eine Stimme, die für einen Moment die Kälte in ihm vertrieb.
»Helfen Sie mir den Mörder meines Partners zu finden«, bat er, während er ein letztes Mal die Buchstaben auf der Grabplatte mit den Fingern nachzeichnete.