Auf der Jagd

Das Läuten der Glocke hallte durch die Nacht und mahnte ihn, seine Zeit nicht zu verschwenden. Er nutze jede Deckung, während er voran schlich. Der Wind strich über das nahe gelegene Feld, brachte das Korn zum Rascheln, vertuschte seine Schritte.
Er wusste, wie er zu einem Schatten werden konnte, hatte das Vorgehen jahrelang perfektioniert.
Es hatte ihn Schweiß, Tränen und Blut gekostet, aber das war es ihm wert gewesen. Die Menschen sahen sich um, bevor sie seinen Namen aussprachen, flüsternd, als riefe es ihn herbei, nannten sie ihn laut.
Er spürte das vertraute Gewicht in seiner Tasche und ließ seine Hand hineingleiten. Beinahe zärtlich umfasste er das kühle Metall, das ihm Sicherheit gab. Gäbe es einen Blitzableiter für ungewollte Gefühle, so wäre dies der Seine. Ein Gedanke, der ihn zum Lachen bringen könnte, wäre der Zeitpunkt geeigneter.
Schon hörte er die Schritte seines Opfers vor sich. Zögernd gesetzt, doch für sein geschultes Ohr so laut, als stapfen Hufe über Stein.
Noch einmal sog er den Atem in seine Lunge, fokussierte sich auf die schmale Gestalt vor ihm. Ein letztes Mal hielt er inne. Niemand würde Zeuge dessen sein, was er im Begriff war zu tun. Ein Umstand, den er bedauerte.
Dann sprang er vor. Mit einer fließenden Bewegung zog er die Taschenlampe hervor, schaltete sie ein. Der Strahl traf sein Gesicht, ließ es verzerrt wirken. Der folgende Schrei war ihm Buße genug.
»Hab ich dich!«, rief er seinem achtjährigen Bruder zu. »Ich sagte doch, niemand besiegt mich beim Verstecken spielen im Dunklen.«

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