Leseprobe Mondscheingift

Lesepobe

Mondscheingift

von
Gabi Büttner
und
Silvia Nagels

Der Stechapfel gehört zur Familie der Nachtschattengewächse. Sein Gift führt zu Lähmungen, Halluzinationen … oder zum Tod.
Das müssen mehrere Kunden des Dampfershops von Jasmin Schubert erfahren, als eine Reihe von Giftanschlägen in dem Geschäft verübt wird. Richten sich die Angriffe gegen die Vaperszene, oder gegen die Besitzerin persönlich?
Gerüchte und Klatsch erschweren die Ermittlungen von Kommissar Andreas Wagner und seinem Partner Oliver Gölz. Dennoch führen sie die Spuren zu Ereignissen, die sie in der Kleinstadt Peine nicht erwartet haben.

Prolog

Sein gesamter Körper kribbelte vor Energie. Er wusste, er musste sie dringend loswerden. So mischte er sich unter die Tanzenden im Club, unfähig, seine Rolle als stiller Beobachter aufrechtzuerhalten.
Die zuckenden Leiber um ihn herum, der Geruch nach Parfum, unterlegt von Alkohol und Schweiß, der Bass der Musik hart und laut. All das hätte ihn beruhigen sollen, so wie sonst auch. Aber heute wühlte es ihn auf.
War es ein Fehler, herzukommen?
Er schob den Gedanken beiseite. Fehler standen für Schwäche und Unzulänglichkeit. Nichts davon traf auf ihn zu. Er war es, der Grenzen überschritt und den Pfad am Rande des Abgrundes entlangwanderte, ohne Zögern, ohne Furcht. Es war an der Zeit, es der Welt zu beweisen.
Dichter drängte er sich an den Körper der Frau vor ihm. Sie war nicht annähernd das, was er üblicherweise bevorzugte. Die Hüften zu breit, die Kleidung zu billig, die Augen gerötet von zu viel Alkohol. Doch heute hatte er keine Geduld für die Jagd.
Sie zuckte vor ihm zurück, was die Finsternis in ihm verstärkte. Dennoch gelang es ihm, ihr ein Lächeln zu schenken. Er wusste, er war anders als die Männer, die sie sonst beachteten – die waren eher Durchschnitt, so wie die Frau auch. Provokativ ließ er seinen Blick über sie gleiten, bevor er ihr erneut ins Gesicht sah.
Sie versuchte sich an einem koketten Lächeln und bewegte ungelenk die Hüften, als sie um ihn herumtänzelte.
Wie lächerlich sie wirkte. Er konnte ihre Unsicherheit wittern, ebenso ihre Neugier.
Innerhalb von Sekunden entschied er, ihr in dieser Nacht das Glück seiner Gesellschaft zu bescheren. So folgte er ihr, als sie die Bar ansteuerte.
Dank seiner häufigen Besuche musste er lediglich zwei Finger hochhalten, als der Barkeeper in seine Richtung sah. Kurz darauf standen die Gläser vor ihm. Er nahm sie, ging zu seinem erwählten Opfer und schob ihr eines davon vor die Nase.
»Das ist besser als Bier.«
Erstaunt sah sie ihn an, schob das Glas zurück und schüttelte den Kopf. »Danke, aber sowas vertrag ich nicht.«
Sie rückte ein Stück von ihm ab, doch er sah, wie ihre Nasenflügel bebten, als sie versuchte, unauffällig seinen Duft einzuatmen.
Ihr Schweiß ließ die Bluse an ihrem Körper kleben, betonte jeden Makel, worüber sie sich bewusst zu sein schien, denn sie zupfte an dem Stoff herum. Ihr Blick irrte durch den Raum, vielleicht auf der Suche nach ihren Freundinnen, die sich irgendwo im Dunkel des Clubs herumtrieben.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Niemand beachtete sie.
Wortlos setzte sie ihr eigenes Glas an die Lippen, leerte es in einem Zug, rutschte vom Barhocker und verschwand zwischen den tanzenden Menschen.
Abgeblitzt? Dieses Dreckstück ließ ihn tatsächlich einfach so stehen!
Er ballte die Fäuste, schloss die Augen und atmete tief durch. Es wäre ein Leichtes, sie zu schnappen. Ihr seinen Willen aufzuzwingen. Für einen Moment gab er sich der Vorstellung hin. Verscheuchte sie dann mit einem unwilligen Kopfschütteln. Das wäre unprofessionell und würde Aufmerksamkeit auf ihn lenken, die er sich nicht leisten konnte. Andererseits …
Rasch leerte er sein Glas, orderte ein Bier und ging der Unbekannten erneut nach. Als er sie erreicht hatte, tippte er ihr auf die Schulter, wartete, bis sie ihn ansah und drückte ihr das Glas in die Hand.
»Betrachte es als Entschuldigung für meine Aufdringlichkeit. Es lag nicht in meiner Absicht, dich zu belästigen«, sagte er, bevor er sich abwandte und sich durch die Menge drängte.
Sicher verborgen zwischen den anderen Gästen folgte er ihr weiterhin mit seinen Blicken. Sah, wie die Tanzenden sie anrempelten und das Bier sich über Bluse und Hose ergoss. Bemerkte, wie sie den Rest trank und dann den Weg zu den Toiletten einschlug.
Beinahe hätte er sich zu einem Auflachen hinreißen lassen. Sie machte es ihm so leicht.
Er positionierte sich in der Nähe der Sanitärräume, hielt sich dicht hinter ihr, als sie wieder herauskam.
Sie wankte auf die Bar zu, klammerte sich am Tresen fest, taumelte und versuchte erfolglos, sich auf einen der Hocker zu setzen.
Er war bei ihr, bevor sie vollends zusammenbrechen konnte. Legte sich ihren Arm um die Schultern und trug sie halb nach draußen, wobei er darauf achtete, dass sein Gesicht durch ihr Haar verdeckt blieb. Ganz so, als würde er beruhigend auf sie einreden.
Sicher, er musste sich abreagieren. Aber er würde es auf seine Art tun. Heute stand ihm der Sinn nicht nach Sex.
»Tut mir fast leid, aber den morgigen Tag wirst du nicht mehr erleben«, raunte er ihr zu, wobei er sich ein Lächeln gestattete.

Kapitel 1

Samstag 03. März 2018

Die Bremsen der S-Bahn quietschten ohrenbetäubend. Vielleicht kam es Nils Pohl auch nur so vor, denn das darauffolgende Ruckeln des metallenen Ungetüms ließ seine Übelkeit explodieren. Abrupt hob er den Kopf, bereute diese Bewegung in der gleichen Sekunde. Seine Umgebung verschwamm in einem Wechsel greller Farben, unterlegt von einem an- und abschwellenden Kreischen. An den Rändern seines Sichtfeldes waberten Schatten, die ihn zu verschlingen drohten.
Er wollte um Hilfe rufen, doch alles, was zwischen seinen Lippen hervordrang, war ein erstickter Laut.
Der abartige Geschmack bitterer Galle breitete sich in seinem Mund aus. Allein bei dem Gedanken, die Flüssigkeit schlucken zu müssen, die sich in seinem Rachen sammelte, überkam ihn ein Würgen und er spürte, wie ihm Speichel aus dem Mundwinkel lief.
Die Frau neben ihm rutschte zur Seite, als er schwerfällig auf die Füße kam. Schwankend hangelte er sich von Haltestange zu Haltestange, während die Schatten näherkamen, ihn einkreisten.
Ein weiteres Ruckeln, dem das charakteristische Zischen folgte, mit dem sich die Türen öffneten. Nils schob sich hindurch, stolperte nach vorne und umklammerte den Rand des Mülleimers, der an der Wand hing. Sein Herz raste, als hätte er einen Marathon hinter sich. Er bekam kaum Luft. Noch bevor er sich nach vorn beugen konnte, übergab er sich.
Erst als er lediglich noch Schaum und Magensaft auskotzte, gelang es ihm, seine Finger von dem schmierigen Rand des Abfallbehälters zu lösen.
Sofort gaben seine Beine unter ihm nach, sodass er zu Boden sackte. Es gelang ihm gerade noch, den Kopf zu drehen und den letzten Schwall neben sich zu spucken.
Mit geschlossenen Augen horchte er auf das Brodeln in seinem Magen, das einem erneuten Würgen vorausging. Jetzt nahm er auch das Getuschel um sich herum wahr.
»Widerlich.«
»Betrunkenes Arschloch.«
»Der ist voll auf Drogen.«
Bin ich nicht, wollte er sagen. Doch er brachte nur einen unartikulierten Laut zustande.
Er versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm nicht.
Jemand beugte sich zu ihm herab. Die gehässig grinsende Fratze stand im krassen Gegensatz zu den freundlich klingenden Worten.
»Brauchen Sie Hilfe?«
Wie sieht es denn aus?, wollte er antworten, doch seine Zunge gehorchte ihm noch immer nicht.
Inzwischen kämpfte er um jeden Atemzug. Sein Hals fühlte sich zugeschwollen an und auf der Zunge lag der Geschmack von Blut und Erbrochenem. Nils rollte sich zusammen, das Engegefühl in seiner Brust wurde unerträglich.
Einer der Schatten, die ihn weiterhin umkreisten, streifte seine Schulter!
Nils schrie auf, versuchte, sich zu verkriechen, wo er sicher wäre. Sollte ihn jemand anfassen, würde ihn das umbringen!
»Ganz ruhig, der Krankenwagen kommt gleich«, hörte er eine unbekannte Stimme sagen.
Das war das Letzte, was er mitbekam, bevor es dunkel um ihn wurde.

Montag 12. März 2018

Lisbeth Schubert warf einen letzten Blick in den Spiegel neben der Flurgarderobe, zupfte eine graue Haarlocke zurecht und griff nach dem Einkaufskorb, bevor sie ihre Wohnung verließ.
Seitdem ihre Nichte Jasmin im Erdgeschoss des Hauses ein Geschäft für E-Zigaretten und Zubehör eröffnet hatte, roch es im Treppenhaus angenehm nach den verschiedenen Aromen. Lisbeth sog den Duft tief ein und beschloss, später kurz im Laden vorbeizuschauen.
Nachdem sie ihre Einkäufe erledigt hatte, ging sie die schmale Gasse zwischen dem Geschäftshaus und dem historischen Rathaus entlang, die auf den alten Markt führte. Sie wandte sich nach rechts und öffnete kurz darauf die Tür zum Dampfershop, stellte den Korb hinter die Kassentheke und schnupperte.
»Oh, ein neues Aroma? Riecht lecker, Jasmin.« Sie umarmte ihre Nichte. »Hast du Zeit für eine Pause? Ich hab Gebäck mitgebracht.«
»Ein paar Minuten kann ich erübrigen«, erwiderte Jasmin, nahm ihr das Päckchen ab und trug es zu dem Tisch vor der Sitzecke, während Lisbeth dem Aushilfsverkäufer zuwinkte, der gerade einen Kunden bediente. »Hallo Mattes, für dich ist auch ein Stückchen dabei.«
Als sie sich zu ihrer Nichte setzte, hörte sie, wie Matthias Wetzel, der von allen im Laden nur Mattes genannt wurde, dem Kunden den Gebrauch der E-Zigarette erklärte.
»Es ist so schön zu sehen, wie der Bursche aufblüht, seitdem er für dich arbeitet«, flüsterte sie.
Jasmin nickte. »Dabei bekommt er sonst in Gesellschaft kein gescheites Wort heraus. Darum habe ich damals gezögert, ihn einzustellen.«
Lisbeth schmunzelte. »Ich dachte, das lag daran, dass er während eurer Schulzeit an deinem Rockzipfel hing.«
Jasmin winkte ab. »Das ist Ewigkeiten her. Aber es ist immer ein Risiko, jemanden einzustellen, mit dem man zusammen zur Schule gegangen ist. Zumal wenn dieser Jemand so schüchtern ist wie Mattes und im Verkauf arbeiten soll. Aber es hat sich gelohnt. Wenn es um Liquids, Verdampfer und Aromen geht, macht ihm so schnell niemand etwas vor. Doch jetzt hole ich uns erst einmal was zu trinken.« Sie erhob sich. »Was kann ich euch bringen? Kaffee? Tee? Cappuccino?«
»Ich hätte gern einen Cappuccino«, antwortete Lisbeth und stopfte sich ein Kissen hinter den Rücken. »Meine Beine sind zu kurz, Jasmin. Du wirst mir nachher hochhelfen müssen.« Sie kicherte und zwinkerte dem Kunden zu.
Der konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, bevor er sich an Jasmin wandte. »Wenn ich eine Latte Macchiato bekommen könnte?«
»Möchtest du bei deiner Tante bleiben?«, fragte Mattes seine Chefin. »Dann kümmere ich mich um die Getränke.«
»Ja, Kindchen. Komm, setz dich wieder und erzähl, wie die Messevorbereitungen laufen.« Lisbeth klopfte auf den Platz neben sich, bevor sie den Kunden anlächelte. »Natürlich nur, wenn das für Sie in Ordnung ist. Ich will Ihr Gespräch mit Herrn Wetzel nicht unterbrechen.«
Der Mann hob die Hände und zog sich einen Stuhl heran. »Kein Problem, ich kann kurz warten. Schließlich weiß ich ja worauf.«
»Probier doch solange unsere neuen Sorten, Paul«, bot Jasmin an, und stellte zwei Liquidmischungen vor ihn auf den Tisch, bevor sie sich an Lisbeth wandte. »Ach, Tantchen, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Heute Morgen kam eine Nachricht von der Druckerei, dass es Probleme bei den Etiketten gibt. Dabei müssen wir die neuen Aromen noch diesen Monat abfüllen und etikettieren, damit wir sie auf der Messe präsentieren können.«
Lisbeth tätschelte ihrer Nichte die Hand. »Du hast es immer geschafft, es wird auch diesmal klappen, da bin ich mir sicher. Solltest du noch Hilfe brauchen, weißt du ja, wo du mich findest.«
Bevor Jasmin antworten konnte, kam Mattes zurück und sie mussten sich ein Lächeln verkneifen. Er schaute so konzentriert drein, als balanciere er auf seinem Tablett keine Getränke, sondern hochexplosives Nitroglycerin.
Jasmin nahm ihren Kaffee entgegen und wandte sich wieder an Paul. »Wie findest du den neuen Teegeschmack des Liquids?«
»Nicht schlecht. Ist mal was anderes. Das Früchtearoma hing mir so langsam zum Hals raus. Das hier kann ich ganz gut dampfen, schön mild ist es. Dazu der leichte Vanillegeschmack … tolle Idee.« Er nahm einige Züge aus dem Verdampfer und produzierte eine Dampfwolke, die sich im Laden verteilte. »Aber ich habe von dem Moonshiner gehört. Könnte ich den vielleicht mal probieren?«
»Natürlich. Mattes, magst du die Flasche zum Verkosten von hinten holen?«
Matthias nickte, wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab und ging die Stufen in den Nebenraum hinauf.
»Versuch den Moonshiner am besten zuerst ohne Zusätze, Paul«, riet Jasmin. »Es ist uns, oder besser der Brennerei gelungen, einen geschmacksneutralen Likör herzustellen, den du mit einem Aroma deiner Wahl mischen kannst. Kaltgestellt ist es ein wahrer Genuss.«
Mattes, der mit einer angebrochenen Flasche zurückkam, unterstützte Jasmin sogleich. »Wenn du ein Aroma dampfst, kannst du dir in etwa vorstellen, wie der Moonshiner schmecken würde.«
Paul hob seine Dampfe. »Ich bleib erstmal bei dem Teearoma, das passt schon.« Er grinste Lisbeth an. »Leisten Sie mir Gesellschaft, junge Frau?«
»Sie sind mir ja einer«, antwortete sie und spürte, wie sie errötete. »Danke, doch am Vormittag ist es mir noch ein wenig zu früh für Alkohol. Aber wenn Sie Lust auf Kuchen haben, bedienen Sie sich ruhig.«
»Da sage ich nicht nein«, erwiderte Paul und griff zu. »Kann ich hier einziehen? Vollverkostung bietest du ja schon an«, wandte er sich an Jasmin.
Sie lachte. »Ich dachte, das wärst du schon, so oft, wie du im Laden bist. Aber jetzt probier den Moonshiner. Ich hoffe, er schmeckt dir genauso gut wie allen anderen. Darauf bin ich schon ein wenig stolz.«
Mit einem Nicken gab sie Mattes zu verstehen, dass er einschenken könne. Seine Hände zitterten leicht, als er ihrer Aufforderung Folge leistete.
»Kipp dem Paul nur nichts über die Hose«, murmelte sie so leise, dass nur Lisbeth sie verstehen konnte.
Das Glas klirrte, als Mattes mit der Flasche dagegen stieß, aber es gelang ihm, es zu füllen, ohne zu kleckern. Er reichte Paul den Likör und ließ die Drei anschließend allein.
Jasmin plauderte mit Lisbeth und Paul, der einen zweiten Likör trank, bis sie Mattes an der Kasse unterstützen musste.
Paul blieb bei Lisbeth und zog genüsslich an seinem Verdampfer. »Der Moonshiner war eine tolle Idee Ihrer Nichte.«
»Auf jeden Fall.« Lisbeth trank ihren Cappuccino aus. »Aber so langsam sollte ich mich verabschieden. Jasmin hat genug zu tun.« Sie stand auf, nickte Paul zu und stutzte. »Ist Ihnen nicht gut?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht …« Mit einer fahrigen Bewegung stellte er die E-Zigarette neben das Likörglas auf den Tisch. »Mir ist ein wenig schwindelig.«
»Sie sind auch ganz blass im Gesicht.«
Paul unterdrückte merklich ein Aufstoßen und legte die Hand auf den Bauch.
»Ich glaube, mir wird schlecht …«, stieß er hervor.
Gleich darauf sprang er auf, lief durch den Laden und verschwand in Richtung Toiletten.
Auch Lisbeth stand auf und ging zu ihrer Nichte. »Jasmin? Entschuldige, aber jemand sollte nach Paul sehen.«
Ihre Sorge musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen, denn Jasmin zog sie sofort beiseite. »Warum, was ist mit ihm?«
»Er sagte, ihm ist übel, dann rannte er zur Toilette.«
»Ich schaue mal nach ihm.«
Rasch durchquerte Jasmin den kleinen Raum, in dem das Geschenkzubehör ausgestellt war, und ging weiter zur Kundentoilette. Bereits vor der Tür vernahm sie eindeutige Würgegeräusche.
Sie schluckte. Allein zuzuhören bereitete ihr selbst Übelkeit. Kurz haderte sie mit ihrer Empfindlichkeit, dann riss sie sich zusammen und klopfte.
»Ist alles in Ordnung, Paul?«
Was für eine dumme Frage. Sie hörte ja, dass es nicht so war.
»Möglicherweise war der Kuchen verdorben? Obwohl mir nicht schlecht ist«, sagte Lisbeth, die ihr gefolgt war. Sie runzelte die Stirn, als erneut das Würgen hinter der Tür erklang. »Vielleicht sollten wir Mattes reinschicken, damit er nach ihm sieht?«
Jasmin schüttelte den Kopf. »Der wäre mit der Situation überfordert.«
Erneut klopfte sie. Wieder kam keine Antwort, also drückte sie die Klinke herunter. Kurz zögerte sie, dann stieß sie die Tür auf.
Paul lehnte an der Wand gegenüber dem Waschbecken und wischte sich über die Stirn. Die andere Hand presste er auf seinen Magen.
»Durst«, krächzte er, als er Jasmin sah, wankte zum Hahn, drehte ihn auf und ließ sich das Wasser in den Mund laufen. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte er ihn wieder zu, stützte sich auf das Becken und betrachtete sein Gesicht im Spiegel.
Jasmin, die hinter ihm stand, musterte ihn besorgt, als er anfing zu kichern. Sie tauschte einen Blick mit Lisbeth, als Paul begann, mit den Armen zu wedeln und auf der Stelle zu hüpfen.
War Paul auf Drogen? Er schien nicht der Typ dafür, aber sie konnte einem Menschen auch nur bis vor die Stirn schauen.
»Krankenwagen?«, wisperte sie beinahe lautlos.
»Unbedingt.« Lisbeth nickte. »Bleib du bei ihm, ich sage Mattes Bescheid.«
Sie ging zurück ins Ladenlokal, während Jasmin nach Pauls Arm griff, um ihn daran zu hindern, weiterhin umher zu hüpfen.
»Komm, Paul«, sagte sie und versuchte, ihn mit sich zu ziehen. »Gehen wir in die Küche. Dort kannst du dich ausruhen.«
»Wer will sich ausruhen?« Paul drehte sich um die eigene Achse, ließ sich aber anschließend von Jasmin in die Küche dirigieren.
Dort angekommen, erstarrte er, hielt sich am Türrahmen fest und griff sich an die Kehle. »Ich krieg keine Luft …«
Rasch nötigte Jasmin ihn, sich zu setzen und half ihm, die obersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.
»Leidest du an Diabetes«, fragte sie, wobei sie sich bemühte, ruhig zu bleiben.
Paul schüttelte den Kopf, schien sich ein wenig zu beruhigen, doch kurz darauf beschleunigte sich sein Atem. Jasmin tastete nach seinem Puls.
Paul schlug ihre Hand weg, zischte wütend und wollte aufspringen.
Jasmin drückte ihn auf den Stuhl zurück, während er nach Luft rang.
Wo bleibt der Krankenwagen?
Pauls Blick irrte durch die Küche, als suche er einen Fluchtweg. Als er versuchte, weitere Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, bemerkte Jasmin, dass seine Finger zitterten. Da seine Bemühung erfolglos blieb, zerrte er so lange an dem Stoff, bis die Knöpfe absprangen.
Jasmin griff nach seinen Händen, um ihn daran zu hindern und registrierte erleichtert die hastigen Schritte mehrerer Personen, die sich näherten. Kurz darauf betraten die Sanitäter und der Notarzt die Küche, gefolgt von ihrer Tante.
»Wir wissen nicht, was mit ihm ist«, stammelte Lisbeth, und betrachtete den halbnackten Paul.
»Wie lange ist er schon in diesem Zustand?«, fragte der Arzt.
Er hockte sich vor Paul, nachdem Jasmin ihm Platz gemacht hatte, zog eine kleine Stablampe hervor und leuchtete damit in Pauls Augen.
»Noch nicht lange. Eine Viertelstunde vielleicht«, antwortete Lisbeth. »Zuerst hat er nur über Übelkeit geklagt, dann lief er auf die Toilette.«
»Als ich ihn fand, verhielt er sich merkwürdig. Er bekommt schlecht Luft«, fügte Jasmin hinzu und schilderte die weiteren Symptome, die ihr aufgefallen waren.
Der Notarzt nickte. »Ich gebe ihm etwas, damit er leichter atmen kann. Sind Ihnen irgendwelche Erkrankungen bekannt?«
»Er wirkte stets gesund und hat nie irgendwelche Krankheiten erwähnt«, antwortete Jasmin.
Der Arzt verabreichte Paul eine Injektion, bevor er den Sanitätern ein Zeichen gab, die Trage hereinzuholen. »Das wird schon wieder. Wir nehmen ihn mit ins Krankenhaus.«
»Ich dachte zuerst, ihm wäre schlecht von dem Kuchen, den ich mitgebracht habe«, sagte Lisbeth. »Aber ich habe auch davon gegessen und meine Nichte ebenfalls. Ist dir denn schlecht, Kind?«
Stumm schüttelte Jasmin den Kopf. Flau war ihr, was aber eher der Aufregung geschuldet war.
Lisbeth stellte sich neben sie und tätschelte ihr beruhigend die Schulter. »Wir wissen ja auch nicht, ob er sonst noch etwas gegessen hat, was die Übelkeit erklären würde. Oder ist er Allergiker?« Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Gott, wenn er jetzt eine Nussallergie hat … Ich glaube, es waren Mandelblättchen auf den Streuseln.«
Blinzelnd sah Jasmin auf. »Die Mandeln waren doch zu sehen. Paul hätte sie sicher nicht gegessen, wenn er allergisch darauf wäre. Aber es kann auch eine andere Allergie sein.«
Der Notarzt nickte. »Eben. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden verschiedene Tests im Krankenhaus durchführen, sobald er stabilisiert und ansprechbar ist. Danke, dass Sie so schnell reagiert haben.«
Er hob kurz die Hand und folgte den Sanitätern.

Kriminaloberkommissar Oliver Gölz beendete das Telefonat und sah über den Rand seines Bildschirms hinüber zum Schreibtisch seines Vorgesetzten, Kriminalhauptkommissar Andreas Wagner.
»Erinnerst du dich an den Anruf aus Hannover Anfang letzter Woche?«, fragte er seinen Partner.
»Hm«, murmelte Andreas. »Was ist damit?«
»Der Kollege Peters dachte doch, er hätte es mit einem Fall fahrlässiger Körperverletzung zu tun.«
»Und?« Andreas lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Was geht uns das an?«
»Der Geschädigte litt unter einer Stechapfelvergiftung und war zum vermeintlichen Tatzeitpunkt in Peine unterwegs.«
»Trotzdem nicht unsere Sache.«
Oliver schüttelte den Kopf. »Jetzt schon. Das eben war das Peiner Klinikum. Paul Müller, 36 Jahre, brach vor knapp sechs Stunden in einem E-Zigarettenladen mit Verdacht auf einen allergischen Schock zusammen«, berichtete er. »Der Notarzt wies ihn ins Krankenhaus ein, wo sich herausstellte, dass er mit Stechapfel vergiftet wurde. Sie konnten ihn stabilisieren, inzwischen ist er auch wieder ansprechbar, stand aber kurz davor, ins Koma zu fallen.«
Wagner runzelte die Stirn und angelte kommentarlos nach dem Telefonhörer.
Erstaunt hörte Oliver zu, wie sein Partner sich mit Kommissar Peters aus Hannover verbinden ließ und ihm Amtshilfe anbot.
»Die Hannoveraner sind momentan nicht zu beneiden«, meinte er, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. »Peters musste sich erstmal ausheulen. Was die strangulierte Wasserleiche angeht, tappen sie immer noch im Dunklen.«
»Welche Wasserleiche?«, fragte Oliver geistesabwesend und tippte auf seiner Tastatur.
»Elke Baum, erinnerst du dich? Die Frau, die sie aus der Leine geborgen haben.«
»Ach, die. Will er dafür auch unsere Hilfe?«
Andreas schüttelte den Kopf. »Nein, nicht bei diesem Fall.«
Oliver sah ihn verständnislos an, bevor er sich wieder dem Bericht über den Einsatz in der Shisha-Bar zuwandte.
Doch Andreas stand auf und griff nach seiner Jacke.
»Was hast du vor? Hast du nicht grad eben alles abgewimmelt?«
Andreas grinste. »Glaubst du wirklich, ich lasse mir den Fall vor der Nase wegschnappen?«
Oliver verdrehte die Augen. »Du lässt dir wohl keine Gelegenheit entgehen, den Hannoveranern zu zeigen, welch ambitionierter Ermittler ihnen durch die Lappen gegangen ist, als sie dein Versetzungsgesuch abgelehnt haben, oder?«
Dass die Ablehnung eher mit seiner Neigung zu tun hatte, die Vorschriften zu umgehen, wollte Andreas nicht gelten lassen.
›Ein aufgeklärter Fall ist ein aufgeklärter Fall‹, pflegte er zu argumentieren. Dabei schien es ihn allerdings wenig zu interessieren, welcher Mittel er sich dafür bediente. Ein Punkt, der Andreas ebenso von ihm unterschied, wie ihr Aussehen. Während Oliver stets darauf bedacht war, Hemd und Sakko zur Jeans zu tragen, bevorzugte Andreas T-Shirt und Lederjacke. Seine Frisur wirkte, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen, aber Oliver wusste, dass Andreas mit einer guten Portion Haarwachs dafür sorgte, damit die Haare so aussahen. Die Kollegen in der Dienststelle witzelten offen über sie, verglichen ihn und Andreas gerne mit Matthias Schweighöfer, der einem blauäugigen Elyas M’Barek hinterherlief.
Andreas schnaubte. »Beide Vorfälle ereigneten sich hier in Peine. Damit ist es unsere Angelegenheit und aus der fahrlässigen Körperverletzung wird möglicherweise eine gemeingefährliche. Der Kollege Peters schickt uns die Akte. Bis sie hier ist, können wir die Zeit nutzen, um herauszufinden, ob beide Opfer etwas gemeinsam haben.«
»Du willst ins Krankenhaus?«
»Na sicher.«
Andreas schlüpfte in seine Lederjacke, warf Oliver den Autoschlüssel zu, der zu langsam reagierte und ihn nicht fangen konnte. Fluchend klaubte er ihn vom Boden, griff nach seinem Wollmantel und folgte notgedrungen seinem Kollegen.

Kapitel 2

Ein enervierend gleichmäßiges Piepen weckte Paul. Sofort drang ihm ein merkwürdiger Geruch in die Nase, den er ebenso wenig einordnen konnte wie das Geräusch. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, drangen dumpfe Stimmen an sein Ohr. Sie klangen verzerrt, beinahe so, als befänden sie sich unter Wasser.
»Was glauben Sie, wann wir ihn befragen können?«
»Schwer zu sagen. Das kommt ganz darauf an, wie sein Zustand sein wird, nachdem er aufgewacht ist.«
Paul versuchte, seine Augen zu öffnen, obwohl sich seine Lider bleischwer anfühlten. Endlich gelang es ihm zu blinzeln. Grelles Licht reizte seine Augen, sodass er sie sofort wieder zukniff und den Schritten lauschte, die sich auf ihn zubewegten.
Neugierig darauf, wer zu ihm kam und wo er sich befand, öffnete Paul erneut die Augen. Schemenhaft erkannte er zwei Gestalten, die an seinem Bett standen.
»Wo bin ich?«, flüsterte er.
»Im Krankenhaus. Sie sind heute Mittag zusammengebrochen«, antwortete ein ihm unbekannter Mann. »Ich bin Kriminalhauptkommissar Andreas Wagner, mein Kollege Kriminaloberkommissar Oliver Gölz.« Er wies auf den Mann, der neben ihm stand. »Doktor Rohner hat uns informiert, nachdem festgestellt wurde, dass Sie an Vergiftungserscheinungen litten. Sind Sie in der Lage, mir einige Fragen zu beantworten?«
»Kriminalpolizei? Vergiftungserscheinungen?«, wiederholte Paul verwirrt und versuchte, seine trockenen Lippen zu befeuchten. »Könnte ich etwas zu trinken bekommen? Ich habe so einen Durst.«
Ein dritter Mann im weißen Kittel reichte ihm einen Becher. »Trinken Sie. Je eher wir das Gift aus Ihrem Organismus spülen, umso besser.«
Pauls Hände zitterten, als er nach dem Becher griff. Er trank vorsichtig, verschluckte sich dennoch und musste husten.
»Fragen Sie«, sagte er zu Wagner, als er sich erholt hatte. »Aber zuvor erklären Sie mir, was überhaupt los ist. Ich verstehe nicht, was passiert ist.«
»Bei Ihnen wurde eine Stechapfelvergiftung diagnostiziert, Herr Müller«, erläuterte Wagner. »Ich möchte wissen, ob Sie sich der Gefahren bewusst waren, als Sie diese Droge konsumiert haben.«
»Was?« Noch immer fiel Paul das Denken schwer. »Ich habe nichts konsumiert. Von Drogen lasse ich die Finger!«
Wagner runzelte die Stirn. »Falls meine Vermutung falsch sein sollte, ist es umso wichtiger, ob Sie sich – und auch uns – erklären können, wie Sie die Droge zu sich genommen haben. Denken Sie bitte genau nach. Was haben Sie getan, bevor Sie zusammengebrochen sind?«
»Nichts Ungewöhnliches. Ich war in der Stadt, um Besorgungen zu erledigen. Heute ist mein freier Tag, wissen Sie. Den beginne ich üblicherweise damit, in einem Café zu frühstücken und anschließend ein wenig zu bummeln.«
»In welchem Café sind Sie gewesen? Was haben Sie dort zu sich genommen?«
»Im Café an der Kirche«, antwortete Paul. »Ich nehme immer das große Frühstück … « Er schloss die Augen, als ihm schwindelig wurde. »Glauben Sie … glauben Sie, jemand hat mir etwas ins Essen gemischt? Aber warum? Ich bin oft dort und es ging mir noch niemals schlecht.«
»Hat Ihnen jemand etwas angeboten, von dem Sie nicht wussten, was es war?«
Paul setzte sich auf. »Nein! Selbst wenn, hätte ich es nicht angenommen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die etwas von Fremden probieren.«
»Nun gut, können Sie uns detailliert berichten, wo Sie sich vor Ihrem Zusammenbruch aufgehalten haben?«
Erschöpft ließ sich Paul zurück in das Kissen sinken. »Sicher kann ich das. Ich bin über die Fußgängerbrücke in die Stadt und hab bei Adler nach einer neuen Jacke geschaut, aber keine gefunden. Dann war ich frühstücken und bin anschließend durch die Innenstadt geschlendert. Bei Thalia habe ich mir ein Buch gekauft, bevor ich zu 5 Stars gegangen bin, um mich mit Liquid einzudecken. Ich habe die neuen Sorten und den Moonshiner probiert, dann wurde mir mit einem Mal furchtbar übel« Er sah den Kommissar wieder an. »Das ist alles, woran ich mich erinnere.«
Gölz notierte sich seine Aussage, während Wagner nickte. »Vielen Dank für Ihre Mithilfe. Falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte im Präsidium an.«
Eine Gänsehaut kroch Paul über den Rücken. »Vergiftet«, murmelte er und schüttelte den Kopf. »Wer sollte mich vergiften wollen? Und vor allem warum?«
»Das ist die Frage, Herr Müller.« Wagner nickte Gölz zu, der eine Visitenkarte hervorkramte und auf den Nachttisch legte. »Wir kommen wieder, sobald es Ihnen etwas besser geht. Denken Sie bitte solange darüber nach, wer etwas gegen Sie haben könnte. Auf Wiedersehen und weiterhin gute Besserung.«

Andreas wartete zusammen mit Oliver auf dem Flur auf Doktor Rohner.
»Herr Müller sollte sich nicht aufregen«, bemerkte der Arzt, als er zu ihnen kam. »Jetzt haben Sie ihn mit Ihren Bemerkungen und Fragen beunruhigt.«
Andreas zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid. Aber die Aussage war wichtig. Sie wollten uns noch erklären, auf welche Art das Gift des Stechapfels verabreicht werden kann und wie Sie auf den Gedanken kamen, er könnte damit vergiftet worden sein.«
»Oh, da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Es kann als Sud oder Tee eingenommen werden. Stechapfel wird sogar als homöopathisches Mittel bei Asthmatikern angewendet, allerdings unter strengsten Auflagen. Denn niemand kann vorhersagen, in welchem Pflanzenteil sich das Gift wie stark konzentriert. Eine weitere Möglichkeit wären Tinkturen. Selbst der Dampf hat berauschende Wirkung. Leider gibt es immer noch Menschen, die das Risiko eingehen, auch wenn der Genuss tödlich sein kann. Sie glauben gar nicht, wie viele Fälle von Stechapfelvergiftung ich in meiner Laufbahn bisher behandeln musste. Vor allem bei Jugendlichen ist die Droge sehr beliebt, da sie leicht zu beschaffen ist. Dabei wissen sie gar nicht – oder ignorieren es absichtlich –,dass sie ihr Leben riskieren. Herr Müller hat Glück gehabt, dass er so schnell gefunden wurde und ich aufgrund meiner Erfahrung die Vergiftung rechtzeitig diagnostizieren und behandeln konnte.«
»Wie lange wird er mit den Folgen der Vergiftung zu kämpfen haben?«, erkundigte sich Oliver.
»Nun ja, die Beschwerden – Vergiftungserscheinungen sollte ich wohl besser sagen – treten fünf bis sechzig Minuten nach Einnahme auf und können bis zu zwei Tage anhalten. Verkompliziert wird das Ganze noch in Verbindung mit Alkohol – er wird also noch eine Weile bei uns bleiben.«
Andreas bedankte sich und verließ zusammen mit Oliver das Gebäude.
Vor der Klinik streckte er die Hand aus. »Gib mir den Autoschlüssel. Ich fahre.«
»Zurück zum Revier?«
»Nö, ich hab Lust auf einen Kaffee, der nicht aus einem Automaten kommt.«

Matthias Wetzel schloss die Kasse und atmete auf. Sein Blick fiel auf den Tisch vor der Sofaecke, auf dem noch immer ein heilloses Durcheinander herrschte. Nach Pauls Zusammenbruch war der Laden voll mit Kundschaft, Jasmin hatte ihm nicht helfen können, und Lukas, seine Ablösung, war erst vor wenigen Minuten eingetroffen.
Matthias sah auf die Uhr und spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Es würde eng werden, aber er konnte Lukas den Verkaufsraum nicht in diesem Zustand hinterlassen. Jasmin legte großen Wert darauf, dass es hier ordentlich aussah.
Mit fahrigen Bewegungen sammelte Matthias Liquids und Tester zusammen, stellte sie zurück in die Regale. Stapelte Gläser und Kaffeetassen auf ein Tablett, knüllte das Kuchenpapier zusammen und warf es oben auf den Stapel.
Hastig griff er nach dem Tablett und brachte es in die Küche. Er stockte einen Moment, als er Jasmin und ihre Tante erblickte.
Vorsichtig stellte er das Tablett ab, dann fragte er: »Was war mit Paul?«
Auf Jasmins Gesicht erschien ein Lächeln, das allerdings gezwungen wirkte. »Der Arzt vermutet einen allergischen Schock. Wir hoffen, dass es ihm bald wieder besser geht.« Sie kam näher und legte ihm die Hand auf den Arm. »Du hast heute gute Arbeit geleistet, Mattes. Es tut mir leid, dass ich dich nicht unterstützen konnte.« Sie senkte den Blick. »Es war ein Schock, Paul so zu sehen.«
Mattes schluckte. »Wenn es mir möglich wäre, würde ich länger bleiben«, murmelte er.
»Das ist lieb, aber ich weiß, dass du pünktlich Feierabend machen musst. Außerdem hast du heute bereits genug getan.« Jasmin seufzte tief. »Wenn die Messevorbereitungen abgeschlossen sind, nimmst du dir ein paar Tage frei. Das hast du dir verdient.«
Er spürte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht schoss. »Das ist nicht nötig. Ich … ich kann dich doch nicht allein im Laden lassen.«
»Du leistest gute Arbeit, Mattes. Aber ich kann nicht zulassen, dass du selbst an deinen freien Tagen herkommst. Bei Gelegenheit müssen wir darüber ein ernstes Wort miteinander reden.«
»Warum?« Matthias‘ Stimme überschlug sich. »Du sagst selbst, ich bin dir eine große Hilfe. Ich habe kein Problem damit, jeden Tag zu arbeiten.«
Jasmin seufzte. »Wir finden schon einen Weg. Aktuell kann ich eh jede helfende Hand gebrauchen. Wie es nach der Messe weitergeht, besprechen wir dann.«
Matthias senkte den Kopf. »Dann mache ich jetzt Feierabend?«
Jasmin nickte. »Natürlich, ich wünsche dir einen schönen Nachmittag.«
»Ja dann.« Er hob unsicher die Hand, wandte sich ab und verließ langsam den Laden durch die Hintertür.
Nachdenklich sah Jasmin ihm nach. »Manchmal ist er mir fast ein wenig unheimlich«, sagte sie zu ihrer Tante und schüttelte den Kopf. »Ist doch nicht normal, dass er tagtäglich seine Zeit im Laden verbringen möchte.«
»Da ist er in deiner Nähe, oder? Ich glaube, er würde alles tun, um dich zu beeindrucken. Der Arme, dabei hat er nicht den Hauch einer Chance, deinen Göttergatten auszustechen. Allein dieser Haarschnitt …« Lisbeth konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Ich glaube, tiefer Seitenscheitel und Pomade waren vor vierzig Jahren modern. Von seinen Klamotten will ich gar nicht erst anfangen.«
»Typisch Siebzigerjahre, würde ich sagen.« Jasmin grinste. »Er ist ein guter Kerl, aber nein, gegen Felix hat er keine Chance.« Sie stand auf. »Sei mir nicht bös, Tante Lisbeth, aber ich muss noch einiges für die Messe erledigen. Die Sache mit Paul hat alles durcheinandergebracht.«

Andreas fuhr vom Krankenhausparkplatz Richtung Umgehungsstraße, trat das Gaspedal durch und fädelte zwischen zwei Fahrzeugen ein.
Oliver klammerte sich unauffällig am Griff der Beifahrertür fest und schüttelte den Kopf. »Musste das sein?«, fragte er. »Du hättest auch auf eine größere Lücke warten können.«
»Warum? War doch genug Platz.« Andreas warf ihm einen kurzen Blick zu und grinste.
Oliver schnaubte. »Ein Wunder, dass du mit deiner Fahrweise noch nie einen Unfall hattest. Ich hoffe nur, heute ist nicht der Tag, an dem du den ersten baust.«
»Keine Sorge, ich weiß, was ich tue.«
»Das wage ich manchmal zu bezweifeln«, brummte Oliver und entspannte sich erst, als sie in die Innenstadt abbogen.
Kurze Zeit später parkten sie auf dem Platz hinter der Kirche und gingen an dem neugotischen Gebäude vorbei auf das Café zu, in dem Paul Müller gefrühstückt hatte.
Die Bedienung sah auf, als sie eintraten. Rasch wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf.
»Was kann ich für Sie tun, meine Herren? Wir haben heute ein Stück Torte nach Wahl zusammen mit einer Tasse Kaffee im Angebot.«
Gölz machte schon Anstalten, das Angebot anzunehmen, aber Wagner schüttelte den Kopf, zückte seinen Dienstausweis und stellte sie vor. »Wir haben einige Fragen bezüglich eines Gastes, der bei Ihnen gefrühstückt hat.«
»Polizei?« Die Frau riss die Augen auf. »Hier frühstücken täglich viele Menschen Es hat doch hoffentlich keiner von ihnen etwas verbrochen?«
»Wir dürfen nicht über laufende Ermittlungen sprechen«, wich Andreas aus. »Was können Sie uns über Paul Müller sagen?«
»Oh, der Paul, der war erst heute Morgen hier. Ein wirklich netter Mann, immer so höflich.«
Es sah so aus, als wollte sie noch mehr sagen, daher unterbrach Andreas rasch ihren Redefluss. »Können Sie sich daran erinnern, was er gegessen hat?«
»Natürlich, Paul nimmt immer das große Frühstück, mit allem Drum und Dran. Kaffee satt, Orangensaft, zwei Brötchen, Butter, Aufschnitt, Marmelade und natürlich ein gekochtes Ei. Das ist unser bestes Angebot, wissen Sie?«
Andreas nickte. »Wie fühlte er sich, als er das Café verließ?«
»Na wie immer. Er war freundlich und schien gut drauf zu sein. Erwähnte, dass er noch zum 5 Stars wollte, worauf er sich zu freuen schien.« Sie schüttelte den Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. »Dieser E-Zigarettenshop am Marktplatz, wissen Sie? Die bringen die Leute dort dazu, sich künstliche Aromen und Gott weiß was noch in die Lunge zu ziehen. Dass das überhaupt erlaubt ist. Aber nun ja, alles was Geld bringt wird ja heutzutage genehmigt. Aber wenn sie dann vom Krebs angesprungen werden und ihre Zungen verfaulen, dann ist das Geschrei groß.«
»Vielen Dank für Ihre Mühe, meine Dame. Sie waren uns eine große Hilfe«, unterbrach Andreas den Redeschwall, wobei Oliver erneut auffiel, wie charmant sein Kollege sein konnte. »Falls Ihnen noch etwas zu ihm einfällt, rufen Sie uns bitte an.«
Er nickte der Bedienung freundlich zu und wandte sich zum Ausgang.
»Wie ich solche Tratschweiber hasse«, sagte Oliver, nachdem sie das Geschäft verlassen hatten. »Auch wenn sie manchmal als Quelle nicht zu verachten sind. Was willst du …« Das Piepen von Andreas‘ Handy unterbrach ihn. Der zog es aus der Hosentasche, las die Nachricht im Gehen und runzelte die Stirn.
»Peters hat uns endlich die Akte gemailt. Wir haben eine weitere Übereinstimmung«, sagte er und blieb stehen. »Müller und das Opfer aus Hannover sind beide Kunden des 5 Stars. Statten wir dem Laden doch mal einen Besuch ab.«
»Dann müssen wir zum Marktplatz«, sagte Oliver.
Andreas verdrehte die Augen. »So weit ist das nicht. Ein bisschen Bewegung schadet niemandem. Denk nicht, mir wäre entgangen, wie begeistert du dich gerade auf die Torte stürzen wolltest. Denk daran, du kommst langsam in das Alter, in dem du Kalorien nicht mehr so leicht abbaust.«
»Ach, deswegen stehst du stundenlang im Fitnesscenter? Damit du ohne schlechtes Gewissen naschen kannst? Vielleicht solltest du auch mal über eine ausgewogene Ernährung nachdenken? Pia sagt …«
»Pia? Ach, ich vergaß. Wenn dein Eheweib Diät hält, wirst du ebenfalls dazu verdonnert. Was ist es denn diesmal?«
»Low Carb«, gab Oliver brummend zur Antwort und verzog das Gesicht.
»Du Ärmster.« Andreas grinste.
»Immerhin versuche ich, meinen Kindern eine vernünftige Ernährung vorzuleben …«
Andreas schnaubte. »Indem du auf Kohlenhydrate verzichtest?«
»Das tust du doch auch.«
»Nö, ich kombiniere sie mit ausreichend Eiweiß und verbrenne sie anschließend im Training.«
»Nicht jeder hat die Zeit, nach der Arbeit noch mehrmals wöchentlich zu trainieren. Abgesehen davon bringt das bei mir eh nichts. Ich bin eben nicht der Typ für Muskelpakete. Wozu sollte ich mich dann also quälen? Da verbringe ich meine spärliche Freizeit lieber mit Pia und den Kindern.«
Andreas zuckte mit den Schultern »Ein Mann muss Prioritäten setzen. Du hast deine und bekommst dafür selbstgemalte Bilder, die du an den Kühlschrank kleben musst, das Gezicke einer Achtjährigen und das pubertäre Gehabe deines Ältesten. Ich hingegen bekomme Torte, wann immer ich darauf Lust habe. Kein schlechtes Geschäft für mich.«
Oliver verdrehte die Augen. »Torte freut sich aber nicht darauf, dass du nach Hause kommst.«
»Sie macht dir aber auch keine Szene oder nörgelt rum.«
Der Tonfall seines Kollegen warnte Oliver, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Seit seine zweite Ehe gescheitert war, hielt Andreas nicht damit hinter dem Berg, dass er monogame Beziehungen als Zeitverschwendung ansah. Noch heute wurde auf dem Revier darüber getratscht, dass er nach der Trennung von seiner letzten Frau vor gut drei Jahren beinahe vor die Hunde gegangen war. Als Folge hatte er jegliches Maß verloren. Sei es in der Art, wie er Ermittlungen führte, oder was seinen Verschleiß an Bettgefährtinnen betraf.
Obwohl Andreas sich inzwischen gefangen hatte, war Oliver froh darüber, erst seit seiner Beförderung vor sechs Monaten mit ihm zusammenzuarbeiten. Auch wenn er das nie laut zugeben würde. Ebenso wenig, dass er das Gefühl nicht loswurde, Andreas würde ihn noch als Anfänger betrachten.
Daher versuchte er, den spöttischen Blick seines Kollegen zu ignorieren und das Thema zu wechseln.
»Jetzt rück schon raus mit der Sprache: Was steht noch in der Akte?«
»Nicht viel. Das erste Opfer heißt Nils Pohl, stammt aus Hannover und fährt zum Einkaufen lieber nach Peine. Er scheint Stammkunde im 5 Stars zu sein. Hat nach dem Einkauf dort noch in dem Restaurant am Markt etwas gegessen, dann ist er zurück nach Hannover und im Bahnhof zusammengebrochen«, berichtete Andreas, während er durch die Fußgängerzone marschierte.
Als sie am alten Rathaus vorbeigingen, nickte Oliver mit dem Kinn in Richtung Eingang. »Hier hat Pohl gegessen. Willst du nachfragen?«
Andreas schüttelte den Kopf und deutete auf das Geschäft, das durch eine kleine Gasse vom Restaurant getrennt war. »Zuerst zum Dampfershop. Das ist bisher die einzige Gemeinsamkeit, von der wir wissen. Sollte das ein Schuss in den Ofen sein, können wir immer noch ins Restaurant gehen.«
Er stieß die Tür auf und wurde von einer Wolke aus angenehmen Düften empfangen.
»Ich bin gleich bei Ihnen«, rief eine Frau von der Kasse aus. »Schauen Sie sich doch solange um.«
Sie befolgten den Rat und schlenderten durch den Laden.
In einer Sitzecke saßen mehrere Kunden und unterhielten sich. Wie Oliver dank der Auslage erkannte standen vor ihnen mehrere E-Zigaretten, sowie ein paar Fläschchen Liquid.
Ein jüngerer Mann mit Base Cap und schwarzem Kapuzenpulli, auf dem das Logo des Ladens prangte, kam aus einem Nebenraum und balancierte ein Tablett mit Kaffeetassen in der Hand, die er den Kunden brachte.
»So, meine Herren, wie kann ich Ihnen behilflich sein? Interessieren Sie sich für unsere Liquids?« Die Frau wieselte hinter der Kasse hervor und kam auf sie zu.
Andreas zog erneut seinen Ausweis. »Mein Name ist Kriminalhauptkommissar Wagner, mein Kollege Kriminaloberkommissar Gölz. Haben Sie einen Raum, wo wir uns einen Moment ungestört unterhalten können?«
Er warf einen beredten Blick auf die Gruppe in der Sitzecke, die neugierig zu ihnen herüberstarrte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s