Band 1

Die Macht der Clans Band 1

Was würdest du opfern im Kampf um Freiheit?

Nachdem die Erde durch eine Naturkatastrophe unbewohnbar wurde, fand die Menschheit auf Terra Zwei eine neue Heimat. Dreihundert Jahre später regieren Clans diese Welt.
Als seine Familie von Clankriegern getötet wird, schwört Chris alles zu tun, um die willkürliche Clanherrschaft auf Terra zu beenden. Während eines Auftrages verliebt er sich – ausgerechnet in eine junge Frau aus der Oberschicht, die für all das steht, was zu bekämpfen er geschworen hat.

Leseprobe:

Die Erde ist unbewohnbar.
Nach jahrelanger Odyssee durch das All findet die Menschheit im
Pictor-System eine neue Heimat.
In Gedenken an die alte Heimat wird dem Planeten der Name Terra Zwei gegeben.
Der Weltrat unter Führung des Großherrschers schickt die
Verbliebenen funktionstüchtigen Raumkreuzer zurück zur Erde.
Keiner von ihnen kehrt je zurück.
Abgeschnitten von den meisten technischen Errungenschaften der Menschheit, passen sich die Lebensbedingungen auf Terra Zwei allmählich denen der Erde des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts an.
Dreihundert Jahre nach der Besiedelung regieren Clans diese Welt.
Die einfache Bevölkerung leidet unter der willkürlichen Herrschaft und der unersättlichen Gier der Clanführer.
Wer die geforderten Abgaben nicht zahlen kann, wird deportiert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Hunger, Ausbeutung und
öffentliche Hinrichtungen bestimmen den Alltag der Bürger.
Widerstand regt sich.
Die Rebellen kennen nur ein Ziel:
Die grausame Clanherrschaft auf Terra beenden
und der Bevölkerung zur Freiheit zu verhelfen.

Prolog
29. Mai 317 nach Besiedelung, Bahrl-Außenbezirk
Larn fluchte, während er versuchte, die Solarmodule der Erntemaschine so zu stabilisieren, dass sie in ihrer Position blieben. Bekam er das Problem mit dem Schwebeantrieb nicht endlich in den Griff, würde sich seine Arbeitszeit erheblich verlängern.
Er war erst sechzehn, dennoch schuftete er täglich zwölf Stunden auf den Feldern, ebenso wie seine Eltern und sein jüngerer Bruder Chris. Und wozu? Damit die Clans die Abgaben ständig erhöhten, sodass dem einfachen Volk nicht einmal genug übrig blieb, um richtig satt zu werden? Larn schnaubte verächtlich. Diese Steuern waren nichts weiter als legalisierter Diebstahl!
Angeblich gab es Widerstand dagegen. Er hatte von kleinen Gruppen gehört, die die Clans bekämpften. Wie gerne hätte er sich einer solchen Einheit angeschlossen. Doch das würde bedeuten, seine Familie im Stich zu lassen – etwas, das er niemals tun könnte. Dafür liebte er sie viel zu sehr.
Das dumpfe Grollen, das auf einmal in der Luft lag, riss ihn aus seinen Überlegungen. Er hob die Hand über die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen, und suchte aufmerksam den Himmel ab. Als er die näher kommenden Schatten am Horizont erkannte, wurde er für einen Moment stocksteif. Die Silhouetten der Clangleiter waren unverwechselbar.
Das, was die Dorfgemeinschaft bereits seit Längerem befürchtet hatte, war eingetroffen.
Als der Clan begann, die Abgaben immer weiter zu erhöhen, häuften sich die Überfälle auf die Bevölkerung. Die Gerüchteküche brodelte. Es hieß, an denen, die die Abgaben nicht zahlen konnten, würde demnächst ein Exempel statuiert werden. Wie es aussah, war es nun soweit. Als diese Erkenntnis endlich zu ihm durchdrang, rannte Larn los.
Einen Augenblick später blitzte es dort, wo er gerade noch gestanden hatte, grell auf. Der ohrenbetäubende Donner einer Explosion folgte.
Die Druckwelle riss Larn zu Boden, die Hitze des Feuerballs, der über ihn hinwegfegte, versengte sein Shirt und seinen Rücken. Der brennende Schmerz ließ ihn aufschreien und trieb ihm Tränen in die Augen. Verschwommen nahm er die schwarz gekleideten Gestalten wahr, die vom Waldrand her auf das Feld marschierten. Clankrieger!
Sie benutzten grünes Feuer. Die Neurowaffen schalteten in einer Sekunde die Reflexe der Opfer aus. Allein das Aufblitzen dieser furchtbaren Waffe steigerte sein Entsetzen und zwang Larn wieder auf die Beine.
Er lief los, strauchelte, fing sich im letzten Moment. Taumelte weiter über den unebenen Boden.
Er dachte an seinen kleinen Bruder, der allein zu Hause war. Larn musste zu Chris, musste ihn durch den Fluchttunnel, den ihr Vater in weiser Voraussicht erbaut hatte, in Sicherheit bringen, bevor ihm die Zeit davon lief.
Ein Schatten tauchte neben ihm auf und griff nach seinem Arm. Reflexartig wollte er sich losreißen, erkannte aber im letzten Moment das Gesicht seines Vaters. Erleichtert atmete er auf. Vater wusste immer, was zu tun war.
»Schneller!«, schrie er und legte sich Larns Arm um die Schultern, um ihn zu stützen. »Wir müssen zur Hütte.«
Larn biss die Zähne zusammen. Er zwang sich schneller zu laufen, obwohl ihm sein eigener Atem in den Ohren dröhnte.
Er sah die Gestalt seiner Mutter, halb verborgen von den Bäumen am Waldrand, die in den Wald lief.
Wenige Minuten nachdem sie verschwunden war, tauchten sein Vater und er in die Dunkelheit unter den Bäumen ein. Nebeneinander rannten sie den schmalen Wildpfad entlang, bis sie endlich den Rand des Forstes erreichten und in Sichtweite ihrer Hütte kamen.
Larn konnte Chris nicht sehen. Panik schlug über ihm zusammen, als er auch seine Mutter nirgends erblicken konnte.
Er stolperte nach seinem Vater durch die Tür. Die Knie wurden ihm weich vor Erleichterung, als er seine Mutter im Wohnbereich entdeckte. Aber keine Spur von seinem Bruder.
»Wo ist Chris?«, schrie sein Vater.
»Ich weiß es nicht!« Die Angst ließ die Stimme seiner Mutter schrill klingen.
»Speisekammer …«, stieß Larn zwischen zwei Atemzügen hervor. »Er versteckt sich immer dort, wenn er sich fürchtet.«
Sein Vater begann, den schweren Schrank vor die Eingangstür zu schieben.
»Marianna, hol den Blaster«, befahl er dabei. »Dann geh zu den Jungs nach hinten.«
Larn erstarrte. »Nein, Vater«, entfuhr es ihm, »sie werden dich töten, wenn du bewaffnet bist.«
Grimmige Entschlossenheit lag in der Miene seines Vaters, als er Larn ansah. »Bring deinen Bruder in Sicherheit!«
»Aber …«
»Tu, was ich dir sage! Geh!«
Larn wollte widersprechen, aber ein Blick in die Augen seines Vaters ließ ihn verstummen. Er wandte sich um und stürzte in Richtung des Vorratsraumes. Kaum hatte er ihn erreicht und die Tür geöffnet, ließ ihn lautes Donnern wieder herumfahren.
Die Tür der Hütte wurde in unzählige Splitter zerlegt. Ebenso der Schrank davor. Einige davon trafen seinen Vater, der nur wenige Meter von der Tür entfernt stand und bohrten sich tief in seinen Körper. Sein Vater verlor den Blaster, stürzte brüllend zu Boden. Wälzte sich herum, die Hände vor den Bauch gepresst.
Larns Mutter rannte ebenfalls schreiend auf ihn zu. Sie erreichte ihn nie.
Männer in schwarzen Kampfanzügen stürmten die Hütte. Clankrieger!
Unwillkürlich wich Larn in den düsteren Raum hinter sich zurück. Zog reflexartig die Tür zu. Stand einen Augenblick völlig reglos.
Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Er wollte seinen Eltern zu Hilfe eilen, musste zu ihnen, musste irgendetwas tun! Ein leises Schluchzen hinter ihm ließ ihn innehalten.
Chris! Larn hatte seinen Bruder beinahe vergessen.
Zusammengekauert hockte der Jüngere in einer Ecke des Raumes. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Das kleine rote Holzauto, das er so liebte, hielt er fest umklammert. Nun streckte er es Larn entgegen. »Ich wollte es retten«, jammerte er.
»Sei leise!« Larn stürzte auf seinen Bruder zu und nahm ihn auf den Arm. Sein geschundener Rücken brüllte vor Pein. »Um Himmels willen, sei still. Sie dürfen uns nicht hören!«
Sein scharfer Ton zeigte sofort Wirkung. Sein Bruder verstummte, schwieg selbst dann, als Mutter nebenan erneut schrie.
Mit einem Schritt war Larn wieder an der Tür. Durch einen Riss im Holz blickte er in den Wohnraum.
Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, während sein übriger Körper völlig taub wurde. Er wollte nicht hinsehen. Wollte nicht zusehen, wie sein Vater über den Boden kroch. Doch er konnte keinen Muskel rühren.
Zwei der Krieger hatten seine Mutter inzwischen an den Armen ergriffen. Zogen sie grob von Vater fort. Und Larn sah, was der so verzweifelt versuchte, in sich zu halten. Im ersten Augenblick begriff er nicht, was diese glänzende Schlinge war, auf die sein Vater seine Hände presste. Als er es erkannte, stöhnte er auf. Das Geräusch klang überlaut in dem kleinen Raum.
Beinahe als hätte sein Vater es gehört, irrte sein Blick zu der Tür der Vorratskammer. Furcht und Schmerz lagen in seinen Augen. Die verzerrten Lippen formten sich zu einem lautlosen Wort.
»Lauft!«
So deutlich als hätte er es geschrien, hallte das Wort in Larns Kopf wieder.
Aber er konnte nicht. Alle Muskeln seines Körpers angespannt, stand er da. Spürte den warmen Körper seines Bruders auf seinen Armen. Hörte, wie Chris hektisch die Luft einzog. Wurde sich bewusst, dass er immer noch die Hand auf den Mund seines Bruders presste, um ihn am Schreien zu hindern. Doch noch nicht einmal dann konnte er diesen Griff lösen.
So sah er zusammen mit seinem vierjährigen Bruder zu, wie ihre Mutter vergewaltigt wurde. Mutter schrie und schrie und schrie. So schrill, wie Larn es noch nie zuvor gehört hatte.
Er beobachtete, wie sein Vater einen der Krieger erreichte und an dessen Bein zerrte.
Der Mann lachte nur, zog sein Bein zurück und trat Vater voll ins Gesicht, beugte sich dann über ihn und nahm seinen Kopf in beide Hände.
Er benötigte nur eine einzige ruckartige Bewegung, um Vaters Genick zu brechen.
Larn schloss die Augen. Ein Schrei baute sich in ihm auf, gespeist aus Hass, Angst und Trauer. Er schluckte ihn herunter. Etwas in ihm starb, während ihm noch immer die Schreie seiner Mutter in den Ohren klangen.
Die Krieger hatten inzwischen von ihr abgelassen, legten Feuer, verließen dann die Hütte.
Seine Mutter schien es gar nicht wahrzunehmen. Noch immer lag sie am Boden. Stumm nun und völlig reglos. Was auf unerklärliche Art erschreckender war, als sie schreien zu hören.
Larn setzte Chris ab, versuchte die Tür zu öffnen, um seine Mutter ebenfalls zu dem Fluchttunnel zu bringen. Doch irgendetwas blockierte die Tür von außen!
Mit aller Kraft drückte Larn dagegen. Bewegte sie um wenige Zentimeter, aber der entstandene Spalt war viel zu eng, um sich hindurchzuzwängen.
Erst als das Feuer Mutters Haar erfasste, gab Larn auf.
Er zwang sich, von der Tür wegzutreten. Ging mit
schleppenden Schritten zur Rückseite des winzigen Raumes und schob das Regal dort zur Seite. Dahinter befand sich ein schmaler Durchgang.
Larn zerrte Chris in einen Raum, gerade groß genug, um dort die Klappe im Boden aufschlagen zu können.
»Schnell jetzt!«, drängte er, »wir müssen weg!«
Chris starrte ihn nur apathisch an. Beherzt nahm Larn ihn wieder auf den Arm und machte sich an den Abstieg in die Dunkelheit des Fluchttunnels.
Die Anstrengung brannte in seinen Lungen. Der immer wieder aufbrandende Schmerz in seinem Rücken trieb ihm Schreie in die Kehle.Er unterdrückte sie, indem er sich die Lippen blutig biss. Mit unerschütterlicher Gewissheit wusste er, er würde sich niemals verzeihen können, seine Mutter zurückgelassen zu haben.
Aber die Anweisungen seiner Eltern für so einen Fall waren unmissverständlich gewesen.
Sollte es jemals zu einem Angriff kommen, ist es deine Aufgabe, deinen Bruder in Sicherheit zu bringen.
Das hatte er ihnen schwören müssen. An diesen Schwur hielt er sich nun. Es hätte sich richtig anfühlen müssen, aber das tat es nicht.
Es gelang Larn, seinen Bruder aus dem zerstörten Dorf zu bringen, ohne den Clankriegern in die Hände zu fallen. All die Versteckspiele der letzten Jahre halfen ihm dabei. Er kannte jeden Winkel des Dorfes, jeden Unterschlupf, der groß genug war, sie zu verbergen, und er nutzte sie alle.
Er brachte Chris bei einer befreundeten Familie unter. Dann verschwand er.
Zurück ließ er einen vierjährigen Jungen, der niemals lachte, nicht sprach und vor der Nähe anderer Menschen zurückschreckte.
Als Larn nach Jahren zurückkam, brachte er seinen Bruder zu den besten Ärzten Terras. Er zahlte nach und nach ein Vermögen für die Heilung seines Bruders, doch nichts konnte ihn von der Schuld freikaufen, die in ihm nagte

Kapitel 1
25. August 336: Makao-City, 22.35 Uhr

Chris betrat den Club und blieb einen Moment stehen, um seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Musik wummerte in ohrenbetäubender Lautstärke, das Blitzen der Lasershow zerhackte die Tanzbewegungen der Menge. Es war laut, es war stickig, es war voll. Warum ausgerechnet das Ikarus so ein angesagter Studententreffpunkt war, würde Chris für immer ein Rätsel bleiben. Doch es war ein idealer Ort, um Kontakte zu knüpfen.
Ein weiterer Pluspunkt des Clubs lag darin, dass Larissa McIngless hier regelmäßig verkehrte. Schon am ersten Tag in der Uni war sie ihm aufgefallen. Ihre Augen, so grün wie eine Sommerwiese, trieben seinen Puls in die Höhe, während ihr Lächeln ihm das Gefühl gab, es wäre nebensächlich zu atmen.
War es da wichtig, dass ihr Vater zu den engsten Vertrauten Lord Hiereons gehörte? Die Antwort darauf drängte Chris stets in den hinteren Winkel seines Bewusstseins zurück. Auch wenn er wusste, es wäre klüger, Abstand zu Larissa zu wahren.
Seiner bisherigen Meinung nach verdienten die Angehörigen der Oberschicht nichts weiter als Verachtung. Larissa jedoch war anders. Soziale Unterschiede schienen sie nicht zu stören. Soweit Chris es mitbekommen hatte, benutzte sie auch niemals den Einfluss, den ihre Stellung mit sich brachte, um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Ein Verhalten, das sie angenehm von anderen Mitgliedern der Upperclass abgrenzte.
Zu seinem Glück gehörten die meisten ihrer Freunde der Mittelschicht an. So hatte er es geschafft, in ihren Freundeskreis aufgenommen zu werden, was ihm durch Beharrlichkeit und den Einsatz seines Charmes innerhalb kurzer Zeit gelungen war. Natürlich nur im Auftrag seines Bruders, um Informationen zu sammeln. Sich in der Nähe des Feindes aufzuhalten mochte riskant sein, aber die Qualität der Auskünfte war es wert.
Ja richtig, Informationen sind alles, was du von ihr willst, dachte er ironisch. Darum hältst du ja auch jetzt schon wieder Ausschau nach ihr.
Er fand Larissa, zusammen mit ihrer besten Freundin Cindy, auf ihrem bevorzugten Platz. Reichtum hatte unbestreitbare Vorteile. In Larissas Fall bestand dieser aus der dauerhaften Reservierung eines Tisches im VIP-Bereich, die wie Blütenblätter einer Blume rings um die Tanzfläche angeordnet waren.
Ohne weiter zu zögern, drängte sich Chris durch den Pulk eng aneinander stehender, vergnügungssüchtiger Menschen. Er kam gerade rechtzeitig am Tisch der Frauen an, um einen Blick auf Larissas ausgestreckte Zunge werfen zu können, die sie Cindy präsentierte.
»Zie is sanns rocken«, erklärte sie.
»Hübsche Himbeerfarbe«, kommentierte Chris belustigt, »versucht ihr, Krankheiten anhand der Zunge zu diagnostizieren«?
Eine weitere Annehmlichkeit des Wohlstands: Die Lounge war durch einen transparenten Schleier vor der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse des Clubs geschützt. So konnte man sich unterhalten, ohne schreien zu müssen.
Larissa fuhr zu ihm herum. Er stellte fest, dass ihre Wangen ebenfalls eine hinreißende Färbung annehmen konnten.
»Ähm, ich …«
»Sie hat gesabbert«, fiel Cindy Larissa grinsend ins Wort. »Ihre typische ›Oh-Gott-ich-habe-ihn-gesehen‹-Reaktion. Ich könnte unterdessen neben ihr umfallen. Sie würde es nicht bemerken.« Ihr Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe.
»Noch ein Ton und du fällst tatsächlich um«, zischte Larissa, deren Röte sich vertiefte.
»Um wen geht es denn gerade?«
»Gari«, entgegnete Larissa schnell, während Cindy nur lachend mit der Schulter zuckte.
Chris hatte Mühe, sein unverbindliches Lächeln beizubehalten. Gari Hiereon war der Neffe des Clanführers, der diesen Bezirk regierte. Sein Benehmen entsprach genau dem, was Chris von den Angehörigen der Oberschicht gewohnt war: Arroganz, Jähzorn, Geltungssucht. Dass er Larissa als sein persönliches Eigentum zu betrachten schien, machte ihn noch unsympathischer.
Aber Gari war eine der besten Informationsquellen für Chris, wenn auch unfreiwillig. Dieser Idiot kam nicht eine Sekunde auf den Gedanken, das Gerede über die Gesetzesänderungen, die sein Onkel plante und die er so unverhohlen in der Öffentlichkeit preisgab, könnte für irgendjemanden von Interesse sein.
»Sabbern ist deine typische Reaktion auf Gari?«, zog Chris Larissa nun auf.
Während er beobachtete, wie sie sich wand, verschwand jeder Gedanke an diesen Wichtigtuer. Ihre Verlegenheit war einfach bezaubernd.
»Der fällt eher unter ›Gift und Galle spucken‹», meinte sie.
»Lass dir nicht den Abend von Dingen verderben, die du nicht ändern kannst«, versuchte Chris sie aufzumuntern. »Wenn du genug davon hast, über Gari nachzudenken, könnte ich dir etwas zu trinken bestellen.«
»Tu dir keinen Zwang an«, erwiderte Cindy an Larissas Stelle. »Du zahlst, ich hole die Getränke.«
Auffordernd hielt sie ihm die Hand hin und nahm die Chipkarte entgegen, auf der die Bestellungen gespeichert wurden. Gleichzeitig schob sie Larissa über den Tisch hinweg eine andere Karte zu.
»Du kannst dieses Mal ein ganzes Wochenende da bleiben. Ich werde nicht vor Sonntagabend wieder zu Hause sein. Mach das Beste draus.« Sie zwinkerte Larissa verschwörerisch zu, bevor sie in der Menge verschwand.
»Ein Wochenende?« Chris setzte sich neben Larissa auf die Bank.
Sie nickte, bevor sie ihn durch halb gesenkte Lider ansah. Gott dieser Blick … Chris registrierte nur am Rande, wie sie den Arm hob und einmal kurz mit der Karte in Richtung Galerie winkte.
Larissa war niemals allein. Ihre Leibwächter waren lediglich gut genug ausgebildet, um sich dezent im Hintergrund zu halten. Ihr Vater mochte ihre Entscheidung zum Studium und ihre Freunde tolerieren. Ihre Sicherheit hingegen würde er niemals riskieren. Ein Umstand, der Chris kurzfristig entfallen war. Ein deutliches Zeichen, wie sehr sie ihm unter die Haut ging.
»Die Schlüsselkarte zu Cindys Apartment«, erklärte Larissa, während sie die Karte in ihrer Tasche verstaute. »Ein ungestörtes Wochenende. Ruhig, abgeschieden …«
Sie hob den Blick. Irgendwas in seinem Gesicht musste ihr seine Gedanken verraten haben. »Nicht, was du denkst. Ich meinte keine Angestellten, keine Überwachung, keine Regeln …«, sie stockte. »Das klingt jetzt auch nicht gerade besser, oder?«
Chris lachte leise. »Wenn das eine Einladung sein soll …«
»Du versuchst nicht gerade mit mir zu flirten?«
Wieder dieser Blick durch halb gesenkte Lider, unterlegt mit einem wissenden Lächeln, das seinen Puls in die Höhe trieb. Sie musste taub und blind sein, wenn sie die Wirkung, die sie auf ihn hatte, nicht bemerkte. Aber auch er beherrschte dieses Spiel.
Chris beugte sich vor, bis sein Gesicht nahe vor ihrem war, und stützte sein Kinn auf seine Hand.
»Vielleicht«, sagte er, während er ihr in die Augen sah. »Und? Funktioniert es?«
»Das musst du schon selbst herausfinden.«
Er grinste. »Ich denke schon.«
»Ganz schön arrogant.«
Er hob eine Braue. »Eher selbstbewusst.«
Larissa legte den Kopf zur Seite und hob ihn ein wenig an. Ihre Gesichter waren sich jetzt so nahe, dass sie sich beinahe berührten. Sie räusperte sich, fuhr sich dann mit der Zunge über die Lippen.
Allein der Anblick ließ eine heiße Woge durch seinen Körper rasen. Sein Atem entwich mit einem einzigen heftigen Stoß, sodass er gleich darauf nach Luft schnappte.
»Hochmütig«, konterte sie.
Chris streckte die Hand aus, legte sie an ihre Wange, und begann mit dem kleinen Finger die empfindliche Linie ihres Halses entlang zu streichen.
Sie erschauderte und rieb leicht mit ihrer Wange über seine Handfläche.
Nur mit Mühe konnte Chris sich beherrschen nicht die Augen zu schließen, um einfach das Gefühl ihrer weichen Haut unter seinen Fingern zu genießen. Für eine Sekunde überlegte er, ob er eine Verhaftung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses riskieren sollte, wenn das hier auch nur noch ein bisschen intensiver würde. Das Bedürfnis, hier und jetzt jeden Zentimeter ihrer Haut zu erforschen, war enorm.
Langsam ließ er seine Hand ein wenig tiefer wandern, bis seine Fingerspitzen hauchzart über ihr Schlüsselbein strichen.
»Aber äußerst erfolgreich«, stieß er hervor. Gott, er krächzte wie ein pubertierender Teenager.
Larissa holte zittrig Luft und senkte die Lider. Ihre Hand legte sich auf seinen Oberschenkel, woraufhin Hitze ihm direkt in den Unterleib schoss. Innerhalb von Sekunden wurde er hart.
Chris schwankte zwischen dem Verlangen ihre Hand festzuhalten, bevor ihn die kreisende Bewegung ihres Daumens völlig um den Verstand brachte und dem Wunsch, sie würde ewig so weiter machen.
»Ich unterbreche eure Zweisamkeit ja äußerst ungern«, zerstörte Cindys Stimme die Illusion völliger Intimität und brachte beide zurück in die Realität. »Aber wenn ich mir das noch länger ansehe, muss ich die Drinks über mich kippen, um mich abzukühlen. Oder mich auf den erstbesten Typen stürzen, der an diesem Tisch vorbei kommt. So wie ich es sehe, wird das zu meinem Pech Gari sein.«
Sofort rückte Larissa von Chris ab. Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen und legte seine Hände um sein Glas, um das Zittern zu verbergen. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er das Gefäß. Gern hätte er es zerbrochen. Vorzugsweise auf Garis Kopf.
Noch immer schlug sein Herz viel zu schnell. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Larissa war eine potenzielle Gefahrenquelle.
Nicht nur, weil sie ihn alles um sich herum vergessen ließ. Er hatte einen Auftrag zu erledigen, der nicht lautete, Larissa McIngless in sein Bett zu bekommen.
Sie hatte Gari offenbar ebenfalls entdeckt, denn auch sie fluchte leise.
»Ohne Lances Einverständnis kann ich hier noch nicht weg. Eine weitere Auseinandersetzung mit Gari stehe ich nicht durch. Nicht heute Abend.«
Ihre Stimme klang brüchig und fuhr Chris direkt ins Herz. Es war dieser Ton, der ihn abermals leichtsinnig machte. Ohne nachzudenken, ergriff er Larissas Hand und zog sie von der Bank.
»Tanz mit mir.«
Sie sah ihn überrascht an, ließ sich aber bereitwillig von ihm durch das überfüllte Lokal führen.
Während des Tanzes zog er sie eng an sich. Spürte, wie sie sich durch seine Berührungen zuerst anspannte, sich dann aber weich und nachgiebig an ihn schmiegte. Er achtete darauf, sie beide im Schatten eines Stützträgers zu halten, von denen sich mehrere auf der Tanzfläche verteilten. Zusätzlich schirmte er sie mit seinem Körper ab. Ein suchender Blick würde nicht mehr ausreichen, um sie zwischen den anderen zuckenden Leibern zu entdecken.
»Ich glaube nicht, dass Gari dich hier sehen wird«, murmelte Chris an ihrem Ohr. Zu gern hätte er sich eingeredet, seine Lippen verursachten die Gänsehaut, die sie daraufhin überzog. »Es sei denn, er erkundigt sich bei deinen Wachhunden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Lance wird mich nicht verraten.«
»Du vertraust ihm sehr?« Der Duft ihres Haares machte ihn wahnsinnig. Vanille mit einem Hauch von Erdbeeren. Sein Mund war völlig trocken. Er musste sich die Lippen befeuchten, bevor er weiter sprach. »Genau genommen ist Gari Lances Vorgesetzter.«
»Genau genommen ist Gari ein Arschloch. Wenn du ein Arschloch siehst, ihm aber nicht sagen kannst, dass er eins ist, denk es dir. Kannst du es ihm aber sagen, dann lass dir nichts gefallen.«
»Sagt Lance?«
Sie blickte auf und nickte lächelnd. Chris Herzschlag beschleunigte sich. Er hätte viel gegeben, hätte die grenzenlose Zuneigung in ihrem Blick ihm gegolten.
»Lance Cooper ist kein Mann, der dazu geeignet wäre, einer verwöhnten Zuckerpuppe den Arsch zu pudern.« Sie sprach mit verstellter, tiefer Stimme und breitem Akzent. »Du willst Freiheiten, Mädel? – Dann verdien sie dir!«
»Du hast sie dir verdient, nehme ich an?«
»Ich bin hier. Lance steht oben auf der Tribüne. Ein weiterer Mann am Vordereingang, einer am Hintereingang. Ich habe mehr Freiheiten als jede andere Frau der Oberschicht. Und ja, ich habe sie mir verdient. Als mir Lance als Leibwächter zugeteilt wurde, war ich vierzehn. Ich hatte Forderungen, er hatte Bedingungen. Wir einigten uns. Ich lernte, auf mich aufzupassen. Er lernte, nicht zu genau hinzusehen.«
»Kannst du es? Auf dich aufpassen?«
Wieder dieser laszive Blick, der ihm durch und durch ging.
»Nahkampf, Dolche, Blaster. Such dir etwas aus. Ich bin gut, in allem, was ich tue.« Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, als überlege sie, ob es klug war, ihm so viel über sich anzuvertrauen.
Ein Schauer überlief ihn, als ihm unwillkürlich der Gedanke durch den Kopf schoss, was sie mit ihren Lippen noch alles tun könnte.
»Was ist heute passiert?« Er musste einfach fragen.
Larissa senkte den Kopf. Ihre dichten, kastanienroten Locken fielen ihr dabei ins Gesicht, sodass es beinahe den Anschein erweckte, als verstecke sie sich dahinter.
»Gari und ich hatten heute Nachmittag eine heftige Auseinandersetzung«, sagte sie dann leise, wobei sie Chris einen kurzen Blick zuwarf. Fast so, als wollte sie sich vergewissern, dass er ihre Worte nicht lächerlich fand. »Ich gebe es nicht gern zu, aber in manchen Momenten habe ich beinahe Angst vor ihm.«
Wut schoss in Chris empor. Unvermittelt und so heftig, dass sich sein Magen zusammenzog. Noch bevor ihm bewusst wurde, was er tat, umfasste er sanft ihr Kinn und brachte sie so dazu den Kopf zu heben.
Fest sah er ihr in die Augen, während er sagte: »Sollte Gari jemals etwas tun, was du nicht willst, sorge ich persönlich dafür, dass es ihm leidtut.«
Sie versuchte zu lächeln, doch es war eher ein trauriges Verziehen der Mundwinkel. Gari hatte durchaus die Macht ihr zu schaden. Das wusste sie ebenso gut wie er.
»Ich danke dir für den Schutz, den du mir anbietest«, sagte sie dennoch, während sie ihm die Hand auf die Wange legte.
Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus, um dann doppelt so schnell in seiner Brust zu hämmern. Gott, er wollte sie. Hatte er sie vorher schon begehrt, war es jetzt mehr als ein körperliches Sehnen. Weit mehr. Langsam beugte er sich zu ihr herab. Sie hob ihre Lippen den seinen entgegen. Sein Blut rauschte in seinen Adern, als er sie küsste.
Beide atmeten deutlich schwerer, als sie sich voneinander lösten. Noch immer hielten sich ihre Blicke umfangen. Ihre nächsten Worte entlockten Chris ein heiseres Stöhnen.
»Bitte, lass mich heute Nacht nicht allein.«

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