Band 2

Die Macht der Clans Band 2

Der Kampf gegen die Clans geht weiter. Bei dem Versuch, einen ihrer Freunde vor der Hinrichtung zu retten, gerät Larissa in die Gefangenschaft von Lord Batiste.
Der Clanführer will die Herrschaft über ganz Terra an sich reißen und schreckt vor keiner Grausamkeit zurück. Um ihre Freunde zu schützen, gibt es nur einen Weg: Larissa muss denjenigen verraten, den sie liebt …

Teil II setzt die spannende Geschichte des ersten Teils nahtlos fort und hält nicht nur für die Leserinnen und Leser Überraschungen bereit.

Leseprobe:

Prolog
12.Januar 328 nach Besiedelung: Mondstation Atlantis 2 Sitz des Großherrschers Alarith Zerros 22:37 Uhr
Die schlanke, in Schwarz gekleidete Gestalt stand bewegungslos in der Mitte des großen Saales. Seine Ausbilder hatten ihn Selbstbeherrschung gelehrt, woran er sich noch immer hielt. So ließ er sich seine Gefühle nicht anmerken. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein Verhalten, das im Laufe der Jahre zu einer Gewohnheit geworden war, die er einfach nicht ablegen konnte. Nur ein Muskel unterhalb seines rechten Auges zuckte leicht. Ein kaum merkliches Zeichen des Zorns, der in ihm tobte.
Um seine Handgelenke wie auch um seine Fußknöchel spannten sich massive metallene Fesseln. Dennoch hätte er es gewagt, den Mann der mit ihm sprach, anzugreifen. Was den Schwarzgekleideten davon abhielt, war nicht das halbe Dutzend Wachen, die in diesem Raum postiert waren.
Es war noch keine zwei Wochen her, da hörten sie auf seine Befehle. Nun genossen sie es, ihn in Ketten zu sehen. Belauerten ihn, Straßenkötern gleich, die die Schwächen ihrer Beute witterten, bereit, ihn zu zerfleischen. Sie fürchteten ihn immer noch und das mit Recht. Er zweifelte nicht daran, sie besiegen zu können, wenn auch auf Kosten seines Lebens.
Selbst in der undurchdringlichen Finsternis, die außerhalb des blendenden Lichtkreises herrschte, war er in der Lage, genau zu bestimmen, wo sich die Wachen aufhielten. Das leise Rascheln ihrer Kleidung verriet sie. Sie fühlten sich zu sicher, um in der absoluten Bewegungslosigkeit zu verharren, die ihnen antrainiert worden war. Selbst das Geräusch ihres Atems, kaum lauter als ein Hauch, würde ihm ausreichen, um sie aufzuspüren und zu eliminieren. Was ihn daran hinderte, war schlichte Neugier. Alarith Zerros hielt sich nicht umsonst seit Jahrzehnten auf seinem Platz als Großherrscher. Nicht immer schienen seine Handlungen sinnvoll, aber er tat niemals etwas ohne Grund.
Doch auch die Furcht lauerte in dem Gefangenen. Kalt brannte sie in seinem Inneren, paarte sich mit Wut. Es drängte ihn, sie herauszuschreien, dem Verlangen nachgegeben, auf etwas einzuschlagen. Vorzugsweise auf das Gesicht des Mannes, der gerade mit ihm sprach. Er schloss die Augen und zwang sich, gleichmäßig zu atmen, um seine Beherrschung zu erhalten. Verdammt wollte er sein, ließe er zu, dass Zerros ihn brach.
Als ihm die Richter die einzelnen Anklagepunkte vorlasen, hätte er beinahe gelacht. Hochverrat? Jahrelang hatte er genau das gefürchtet und nun, wo er sich in Sicherheit glaubte, klagten sie ihn an. Seine Hinrichtung würde im Morgengrauen stattfinden und alles zerstören, was er sich über Jahre hinweg aufgebaut hatte. Nicht etwa, weil er gescheitert war, sondern aus der Laune eines greisen Mannes heraus, den nur der pure Trotz davon abhielt, endlich zu sterben, um den Platz auf dem Thron frei zu machen. Auch wenn das nichts geändert hätte. Der Gefangene zweifelte daran, dass irgendein Mensch, der seinen Arsch auf den Weltenthron pflanzte, anders war als sein Vorgänger. Das einfache Volk interessierte die Herrschenden wenig, solange es ihnen selbst gut ging.
»Es ist von dringender Notwendigkeit für ganz Terra«, wiederholte der Großherrscher und riss den Schwarzgekleideten damit aus seinen Grübeleien.
Die Wachen mochten nachlässig sein, Zerros war es nicht. Nicht einmal anhand der Stimme konnte der Gefangene erkennen, wo sich der Großherrscher aufhielt. Die Worte hallten, elektronisch verzerrt, durch den Raum, schienen synchron aus verschiedenen Richtungen zu kommen. Zerros mochte alt sein, aber er war kein solcher Narr, seinem Gefangenen ohne entsprechenden Schutz gegenüberzutreten.
Der Schwarzgekleidete wusste um seinen eigenen Ruf. Er galt im Vergleich zu den anderen Kriegern als schneller, härter, rücksichtsloser. Sein Aufstieg in die Führungsriege war innerhalb kürzester Zeit erfolgt. Viele munkelten, er hätte einen Gönner. Jemanden, der ihn die Karriereleiter hinaufschob. Was für ein Schwachsinn. Alles was er erreicht hatte, verdankte er seinem eisernen Willen. Niemals verlor er sein Ziel aus den Augen. Dennoch kam er gerade von seiner eigenen Gerichtsverhandlung, die kaum mehr als eine Farce gewesen war.
»Wichtig für Terra oder für Euch und Euren verfluchten Rat?«, antwortete er verspätet auf die Aussage des Großherrschers.
»Für Terra und den Rat. Aber in erster Linie für das Volk. Der alte Clanführer war listig und durchtrieben, während sein Sohn grausam und skrupellos ist. Sollte er noch mächtiger werden, könnte er in der Lage sein, selbst dem Rat gefährlich zu werden. Wenn dies geschieht, wird er eine Schreckensherrschaft auf Terra errichten, die du dir nicht einmal vorstellen kannst.«
»Ich kann mir nichts vorstellen, was schlimmer sein könnte als Ihr und Euer verdammter Rat.«
»Ich verstehe deinen Zorn. Du fühlst dich ungerecht behandelt und damit hast du sogar Recht. Es ist mir nicht leicht gefallen, deine Verhaftung zu veranlassen, aber ich musste tun, was getan werden musste.«
»Tun was getan werden musste?!« Der Gefangene schnaubte. »Gehört dazu auch, mich wegen Verbrechen zu verurteilen, die ich nicht begangen habe?«
»Ja«, bekannte Zerros mit überraschender Offenheit. »Ich habe Jahre gebraucht, um alles vorzubereiten. Ebenso lange beobachte ich dich bereits.«
Nach dieser Eröffnung herrschte minutenlanges Schweigen. Der Gefangene versuchte, gegen die Hoffnungslosigkeit anzukämpfen. So viele Menschen. So viele Leben, die er zu schützen geschworen hatte. Und die er, wie er nun wusste, dem Großherrscher in die Hände gespielt hatte.
»Warum? Wozu das ganze Theater? Ihr hättet mich fragen können. So wie Ihr es schon immer getan habt. Es wart immer Ihr, nicht wahr? All die Jahre benutztet Ihr uns, um für Euch die Drecksarbeit zu erledigen. Ich hoffe, es bereitete Euch Freude, Euch eine persönliche Streitmacht heranzuzüchten.«
»Ich verfolge dasselbe Ziel wie du. Genau deshalb brauche ich dich jetzt.«
»Mich? Oder die Vernichtungsmaschine, die Ihr mit mir herangezüchtet habt?«
Zerros ignorierte den Vorwurf. »Du weißt selbst, dass du nichts mehr zu verlieren hast. Wenn du dieses Zimmer verlässt, dann entweder als mein Beauftragter oder als ein Mann, der in der Giftgaskammer endet. Aber um mich deiner Loyalität zu versichern, biete ich dir mehr. Ich garantiere Schutz und Sicherheit für alle, die du um dich herum versammelt hast. Und Rache.«
Der Schwarzgekleidete spannte sich. Er war sicher, dass dies Zerros nicht entgangen war, denn der Großherrscher fuhr mit einer Mischung aus Verständnis und Zorn in der Stimme fort: »Es ist ein einmaliges Angebot, für das ich deine Antwort sofort benötige. Du wirst einzig mir unterstellt sein. Doch der Preis dafür ist hoch. Du wirst Opfer bringen müssen. Dinge tun, die du niemals tun wolltest. Menschen zurücklassen, die du liebst. Bist du erfolgreich, biete ich dir mehr, als du dir je erträumt hast.«
»Ihr seid nicht in der Lage, mir zurückzugeben, was ich mir wünsche.«
»Niemand kann Tote wieder lebendig machen.« Zerros gab sich alle, Mühe, das Messer in der niemals verheilten Wunde aus Trauer, Schmerz und Schuldgefühl noch einmal zu drehen. Doch es waren seine nächsten Worte, die den Gefangenen erschütterten. »Ich habe keine Kinder, die ich zu meinen Nachfolgern ernennen könnte. Wenn ich sterbe, wird ein Machtkampf um meine Amtsübernahme entbrennen. Es sei denn, ich ernenne rechtzeitig einen Erben. Dich! Dann wirst du es sein, der die Ungerechtigkeit auf Terra beendet.«
»Warum ich? Was könnte ich tun, wozu Ihr nicht imstande seid? Ihr verfügt über eine Verteidigungsstation, die imstande ist, von diesem Mond aus jedes Ziel auf Terra anzugreifen und notfalls zu zerstören.«
Nun war es an Zerros, einen abfälligen Laut von sich zu geben. »Fürwahr eine mächtige Waffe, deren Einsatz einstimmig vom Rat genehmigt werden muss. Doch diese Narren sind so uneins, dass sie vergessen haben, wofür diese Waffe einst erschaffen wurde. Nachdem ihre ersten Luxushotels hier oben fertiggestellt waren, interessierte es sie nicht länger welche Unruhe auf Terra herrscht. Auch nicht, dass Aufstände, durch den Einsatz dieser Waffe, bereits im Keim erstickt werden können. Nun geht es ihnen nur noch um die Einheiten, die die Oberschicht durch den Bau ihrer exklusiven Feriendomizile und den Aufenthalt in den Hotels in ihre Kassen spülen. Sie verabschieden Gesetze, die der Obrigkeit nutzen und verlieren dabei die restliche Bevölkerung aus den Augen. Die ist ja auch nicht in der Lage, die Börsen der Senatoren zu füllen.«
»Soweit dazu, dass Bestechungen geahndet werden.«
»Das werden sie, wenn wir sie nachweisen können. Doch auch dazu ist ein Ratsbeschluss notwendig.«
»Wie soll ich dann etwas ändern können?«
»Ich bin ein alter Mann, der des Kämpfens müde ist. Du hingegen verfügst über den Idealismus der Jugend. Mir ist durchaus bewusst, was du auf Terra vorhast. Mit der Macht, die ich dir übertragen kann, wirst du imstande sein, jedes deiner Ziele zu erreichen. Ich behaupte nicht, dass es leicht wird. Im Gegenteil, es wird dein schwerster Kampf. Aber du kannst ihn gewinnen. Du musst nur zustimmen. Unterstütze mich! Befolge meine Befehle und eines Tages wirst du es sein, der anderen befiehlt.«
Es war nie Macht, wonach der Gefangene strebte. Doch die Aussicht auf das, was er tun könnte, auf das, was möglich wäre, nahm ihm den Atem. Er wollte es nicht! Gott, er wollte weder diese Macht, noch dieser elenden Versuchung nachgeben. Dennoch nickte er.
Erst Jahre später sollte er erfahren, dass dieses Nicken, diese unscheinbare Bewegung, die tagtäglich tausendfach ausgeübt wurde, den Kriegern im Saal das Leben gekostet hatte. Zerros ließ den Raum mit giftigem Gas fluten, kaum dass er ihn zusammen mit dem Schwarzgekleideten verlassen hatte. Zeugen konnte sich der Großherrscher nicht leisten.

Kapitel 1
Acht Jahre später …
31.Oktober 336: Clansitz Hiereon – Krankenstation 6:02 Uhr
Larissa lag reglos auf der Schwebeliege, mit der sie durch die Gänge des Clansitzes geschoben wurde. Sie widerstand der Versuchung, die Augen eine Winzigkeit zu öffnen, um sich zu orientieren. Es gab nur zwei Möglichkeiten, wo die Krieger, die sie vor den Toren Makaohs abgeholt hatten, sie hinbringen könnten. Entweder auf die Krankenstation oder direkt in den Gefangenentrakt.
Bei dem Gedanken an Letzteres beschleunigte sich ihr Herzschlag, was in ihrer derzeitigen Situation nicht von Vorteil sein mochte. Sie musste den Anschein erwecken, ihre Ohnmacht wäre das Zeichen tiefer Erschöpfung. Je besser ihr das gelang, umso höher war die Wahrscheinlichkeit, nicht sofort in einer Zelle zu landen, was das Ende ihrer Pläne bedeuten würde. Mit seiner Entscheidung, sie gehen zu lassen, hatte Chris ihr das Leben jedes Menschen in der Rebellenbasis anvertraut. Sie durfte sein Vertrauen nicht enttäuschen.
Das unverwechselbare Zischen der sich automatisch öffnenden Türen riss sie aus ihren Gedanken. Sie zwang sich, gleichmäßig weiter zu atmen, als sich kurz darauf eine kühle Hand auf ihre Stirn legte.
»Sie ist es. Etwas zerzaust, sichtlich erschöpft und besinnungslos, aber eindeutig Eure Tochter«, erklang die Stimme von Doktor Tomassi.
Larissa erkannte sie sofort. Der Arzt war ihr von Kindesbeinen an vertraut.
Sie musste sich zusammenreißen, um weiterhin reglos liegen zu bleiben, als eine zweite Stimme ertönte. Gari. Warum war er hier?
»Wann wird sie kräftig genug sein, eine Befragung zu überstehen, ohne dass notwendige Verhörtechniken sofort zu ihrem Tod führen?«, erkundigte er sich bei dem Doktor. Zumindest glaubte Larissa, dass er mit dem Arzt sprach.
Die Furcht, die während des ganzen Morgens im Hintergrund lauerte, erhob sich brüllend. Niemand musste ihr erklären, wie eine Befragung durch Gari aussehen würde. In den knapp zwei Monaten, die sie bei den Rebellen verbracht hatte, war ihr zu oft von Betroffenen geschildert worden, auf welche Art sie durchgeführt wurden.
»Es ist an Eurem Onkel ein Verhör durchzuführen, nicht an Euch«, erklang die Stimme ihres Vaters. Entschlossenheit lag darin, die Larissa mit Erleichterung erfüllte. Auch wenn sie wusste, er hatte nicht die Befugnisse sich Gari in den Weg zu stellen.
»Die Spur des Fahrzeugs, das Eure Tochter gestohlen hat, verlor sich vor der verbotenen Zone. Seid gewiss, ich werde herausfinden, wo sie die letzten Wochen verbrachte. Versucht nicht mich aufzuhalten! Ansonsten werdet Ihr neben Eurer Tochter auf der Anklagebank sitzen.«
»Sie ist nicht mehr meine Tochter.«
Obwohl Larissa mit einer ähnlichen Reaktion gerechnet hatte, fuhr ihr ein Stich durchs Herz. Aber was hatte sie erwartet? Ihr Verschwinden entehrte sie. Gleichgültig, ob es freiwillig oder erzwungen gewesen war. An keinen Angehörigen der Oberschicht war sie länger gewinnbringend zu verheiraten. Somit galt sie als nutzlos.
Larissa biss die Zähne zusammen, um die Trauer und Furcht nicht weiter an sich heranzulassen. Zu spät bemerkte sie, wie unklug das war. Trotz des Medikaments fuhr ihr ein Ziehen durch den beschädigten Backenzahn. Der unbekannte Schmerz ließ sie leise aufstöhnen. Zahnschmerzen … Sie hatte davon gehört. Auf der alten Erde sollte das Normalität gewesen sein. Auf Terra zwei war so etwas, dank Spezialversiegelung der bleibenden Zähne, annähernd unbekannt. Nun, vermutlich ließ sich auch kaum jemand bereitwillig den Zahn aufbohren, so wie sie es getan hatte.
Der kalte Schweiß, der ihr auf die Stirn trat, schien ihre Vorstellung glaubwürdiger zu machen, denn Dr. Tomassi wies die Wachen an, ihre Liege an eines der Untersuchungsterminals anzuschließen. Dort wurden automatisch alle wichtigen Körperwerte gemessen und an den medizinischen Com übermittelt.
»Wie ich es vermutet habe. Ihre Werte sind nahezu normal. Herzschlag und Puls etwas erhöht, ebenso wie die Körpertemperatur. Aber das ist nichts Ernstes. Ich werde Eurer To… Larissa etwas zur Stärkung verabreichen und sie schlafen lassen. Das wird ihren Zustand rasch normalisieren.«
Garis Stimme klang kühl, als er sagte: »Rufen Sie mich, sobald sie aufwacht. Ich werde schnellstmöglich mit ihrem Verhör beginnen.«
»Euer Onkel sicherte mir eine faire Verhandlung zu.« Ihr Vater schien nicht bereit nachzugeben.
»Die ihr zusteht, sobald ich Antworten auf meine Fragen bekommen habe«, zischte Gari. »Doktor, Sie informieren ausschließlich mich über das Erwachen dieser Frau!«
Nachdem Doktor Tomassi die Anweisung, ohne zu zögern bestätigte, entfernten sich die Schritte einer Person.
Beinahe hätte Larissa nun doch die Augen aufgerissen. Sie musste wissen, ob ihr Vater gegangen war. Hatte er sie allein mit Gari und dem Doktor zurückgelassen?
Flüchtig streifte eine Hand die ihre. Die Berührung war ebenso vertraut wie tröstend und half ihr, sich zu beruhigen. Zeigte sie doch, ihr Vater hatte sie nicht komplett aufgegeben.

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