Reisebericht

Ein Reisebericht

Morgens sieben Uhr in Hannover, ich bin auf dem Weg zum Bahnhof. Ist ja klar, dass ich heute, wo Pünktlichkeit wichtig ist, um den Zug zu erwischen, spät dran bin. Natürlich warte ich sieben Minuten auf die U-Bahn, anstatt wie üblich höchstens drei.
Auf der Bank neben mir streiten sich zwei ältere Herren fröhlich um das erste Bier des Tages, könnte aber auch das letzte des Abends sein. Ich ziehe es vor, nicht so genau hinzuhören. In der Bahn begrüßt mich von rechts ein asthmatisches Keuchen. Dem brodelnden Geräusch beim Atem und vor allem die Menge des Schleimausstoßes lässt mich vermuten die gute Seele ist auf dem Weg in die Lungenklinik.
Auf der linken Seite sitzt ein Mensch mit Pullunder. Er schreit in sein Handy.
»WAALLAAHHH!«
Ein Anhänger Odins? Ich bin erfreut, aber sollte es nicht eigentlich ›Walhalla!‹ heißen?
Meine Freude währt so lange, bis ich feststelle, er spricht mit seinem Sohn. Der muss noch recht jung sein, denn der Pullunderträger säuselt nun beinahe.
»Musst lieb zu Papa sein. Isch ab misch verletzt. Halber Finger abgeschnitten.«
Ich ignoriere die Aussprache, denn mein Blick fällt auf seine Hand. Am Ringfinger klebt ein kleines Pflaster.
Ob der Mann auch Autor ist? Geschichten erzählen kann er jedenfalls wie ein solcher, nur die Grammatik könnte ein Problem werden.
Im Wunsch dieser zu entfliehen krame ich nach meinen Kopfhörern. Ich finde sie am Grund des Rucksacks, nachdem ich diesen beinahe komplett ausgeleert habe. Leider sind sie zu einem unentwirrbaren Knäuel verknotet, was in mir die Erkenntnis entstehen lässt, Musik ist nicht so wichtig.
Am Bahnhof angekommen steige ich erleichtert aus. Schön, dieser Einkaufsbahnhof. Achtundfünfzig Möglichkeiten, um an Kaffee zu kommen. Das dachte aber nicht nur ich.
Auf der Rolltreppe vor mir rennt mir eine junge Dame schwungvoll in die Arme. Ihr Kaffee verteilt sich über mein Shirt. Wenigstens ist er heiß.
»Können se nich aufpassen?«, fragt sie mich.
Langsam wird mir wieder klar, warum ich meine eigenen vier Wände so schätze.
Endlich erreiche ich den Treffpunkt und weiß alles wird gut. Nun freue ich mich umso mehr auf Frankfurt.
Die Zugfahrt ist, dank guter Gesellschaft und reservierten Sitzplätzen, sehr angenehm. Große Freude auch am Frankfurter Bahnhof, wo wir unsere Mitadministratoren treffen.
Auf ins Hotel, aber zuerst mehr Kaffee!
Wir erobern ein nettes Café, wo uns eine leicht gestresst wirkende Bedienung lächelnd mitteilt die Kaffeemaschine sei kaputt, aber es gäbe ja noch andere Getränke im Angebot.
Ich frage mich, wie sie ob dieses Frevels noch lächeln kann. Kein Kaffee? Das ist so, als wäre die Atemluft dieses Planeten von einem riesigen Staubsauger abgesaugt worden.
Wir flüchten, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen.
Frankfurt scheint allerdings ein Problem mit Cafés zu haben in denen es Sitzmöglichkeiten gibt. Oder wir mit unserer Sehkraft – das möchte ich nicht ausschließen.
Mit letzter Kraft finden wir Zuflucht in einer … nun, nennen wir es Bäckerei. Weitab in den Tiefen des unterirdischen Teils des Bahnhofes fristet sie ihr Dasein. Aber es gibt Sitzplätze und Halleluja, auch Kaffee.
Wie eine Horde Untoter schlurfen wir zur Theke.
»Brains … Brains…« Pardon: »Kaffee … Kaffee …«
Eine halbe Tasse des erhabenen Getränkes und ein belegtes Brötchen später haben wir endlich eine realistische Vorstellung von Frankfurter Preisen. Aber das Koffein verwandelte uns zurück in die gut gelaunten, optimistischen Menschen, die wir sind.
Also auf ins Hotel!
Ich bin ja Autorin, das bedeutet chronisch pleite. Also buche ich derartige Unterkünfte über das Internet. Die Suchoption ist allerdings nicht ›Beste Ergebnisse‹, sondern ›Preis aufsteigend‹. So natürlich auch geschehen bei der Buchung des Frankfurter Hotels. Unser Weg führt uns vorbei an Erotikshops – ich bin beeindruckt, wie viele davon es in nur einer Straße gibt – Spielhallen, einer Bar mit dem klangvollen Namen ›Love Lounge‹ und mehreren auf der Straße sitzenden Menschen.
Schön, denke ich, ein Picknick. Selbst der kühle Regen, der einsetzt, scheint niemanden zu stören. Und das obwohl diese Leute anscheinend eine strikte Diät einhalten, bei der sie sich Nährstoffe mit einer Spritze in die Venen jagen.
Endlich erreichen wir das Hotel. Die chinesischen Schriftzeichen an der Fassade ignoriere ich. Immerhin ist nebenan ein chinesisches Restaurant und eine Chili-Bar. Allerdings bin ich unsicher, ob sich das scharf in Chili auf Speisen bezieht. Auf Fleisch sicher. Aber eher in Bezug auf das Restaurant rechts oder auf den Eros-Club links?
Die Drehtür, durch die wir uns quetschen, um ins Innere unserer Unterkunft zu kommen, ist schon mal nicht für Menschen mit viel Liebhabfläche geeignet. Zum Glück bleibe ich nicht stecken.
Dennoch starrt uns der kleine Asiat hinter dem Tresen an. Ein Ausdruck der Verwirrung überzieht sein alterslos erscheinendes Gesicht. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern blinzeln verwundert. Anscheinend sind Gäste hier ein ungewohnter Anblick.
»Chimmernumma«, blafft er uns entgegen.
»Wir haben noch keine Zimmernummer.«
»Keine Chimmanummer?«
Er wirkt verunsichert, was mir beinahe leidtut. Doch ich fürchte um die Reservierung und draußen regnet es inzwischen wahre Bindfäden. Irgendwie verspüre ich wenig Motivation, mich zu den Picknickern auf den Schlafsack zu kuscheln. So steigt mein Puls.
Es dauert dann aber nur etwa 20 Minuten, bis er unsere Buchung gefunden hat.
Nachdem wir unsere Pässe abgegeben haben, atme ich erst erleichtert auf, als sich das Ungetüm in die er sie legt, als Kopierer herausstellt, nicht als Reißwolf. Auch der Zimmerpreis gilt für eine Nacht, nicht für eine Stunde. Darüber war ich mir, anlässlich unserer Umgebung, nicht ganz sicher.
Während wir warten, vertreibe ich mir die Zeit mit der Besichtigung der Lobby. Neben weiteren mystischen Schriftzeichen an der Wand, von denen ich hoffe, es handelt sich nicht um irgendwelche Aufnahmerituale, hängt ein Kreuz – was mir wirklich Angst macht. Aber die zwei pausbäckigen Weihnachtsengel nehmen Sie mir wieder. Die darunter stehenden Dose Bauschaum ignoriere ich, da die fehlende Klimaanlage und die stickige Luft den Vorteil haben, dass ich mir die Sauna spare. Auch die große Kaffeemaschine, in die man nur ein paar Münzen werfen muss, erfreut mein Herz.
Bis ich das DEFEKT Schild erblicke, das, liebevoll auf Pappe gekritzelt, an besagter Maschine angebracht wurde.
»Haben wir hier Frühstück gebucht?« Die Panik kann ich nicht ganz aus meiner Stimme heraushalten.
Das kollektive Kopfschütteln jagt Erleichterung durch meinen Körper.
Zumindest die Innengestaltung der Zimmer zeugt von Kreativität. Leuchtend pinkfarbene Wände harmonieren mit dem durch Panzerband gesicherten Spiegel. Das passt auch perfekt zu den mit Klebeband fixierten Steckdosen. Abenteuerurlaub? Kann ich!